Deutscher Suchtkongress
Bd. 1 Nr. 1 (2023): Deutscher Suchtkongress
https://doi.org/10.18416/DSK.2023.877

State of the Art: Was wissen wir über Internetnutzungsstörungen? (S05)

Kauf-Shopping-Störung

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Matthias Brand (Universität Duisburg-Essen, Duisburg), Astrid Müller (Medizinische Hochschule Hannover, Hannover)

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Die Kauf-Shopping-Störung wird in der ICD-11 als „andere spezifizierte Impulskontrollstörung“ kodiert. Diverse Autor:innen argumentieren jedoch für die Klassifikation der Kauf-Shopping-Störung als Verhaltenssucht aufgrund von Parallelen zwischen der (online) Kauf-Shopping-Störung und der Computerspielstörung bzw. anderen (online) Verhaltenssüchten. Auch die aktuellen theoretischen Konzeptionen der Kauf-Shopping-Störung gehen weitgehend von Mechanismen aus, wie sie für andere Verhaltenssüchte beschrieben wurden. Vor dem Hintergrund der aktuellen empirischen Befunde zur (online) Kauf-Shopping-Störung sollen die Herausforderungen für die zukünftige Forschung zu psychologischen und neurobiologischen Mechanismen diskutiert werden.


Methoden
Narrativer Überblick über aktuelle empirische Befunde zur Kauf-Shopping-Störung mit Fokus auf psychologische und neurobiologische Prozesse, insbesondere affektive und kognitive Mechanismen und deren neurale Korrelate.


Ergebnisse
Experimentelle Studien zur (online) Kauf-Shopping-Störung demonstrieren erhöhte Reizreaktivität und Verlangen bei der Konfrontation mit kaufbezogenen Reizen. Auf neuraler Ebene zeigt sich eine Korrelation zwischen Aktivitäten in belohnungsverarbeitenden Hirnregionen (ventrales Striatum) und der Symptomschwere einer Kauf-Shopping-Störung. Im Vergleich zu Kontrollpersonen sind bei Patient:innen mit Kauf-Shopping-Störung zusätzlich mit Kompulsivität assoziierte Regionen (dorsales Striatum) an der Verarbeitung kaufbezogener Reize beteiligt. Ebenso werden reduzierte Kontrollprozesse und kaufbezogene implizite Kognitionen berichtet. Ganz aktuelle Arbeiten zeigen zudem Überschneidungen zwischen der online Kauf-Shopping-Störung und der problematischen Nutzung sozialer Netzwerke.


Diskussion und Schlussfolgerung
An der Kauf-Shopping-Störung scheinen psychologische und neurobiologische Mechanismen beteiligt zu sein, die vergleichbar sind mit den Prozessen, die für die Computerspielstörung und andere Verhaltenssüchte berichtet werden. Die Ergebnisse sprechen für eine mögliche Imbalance zwischen Antriebsprozessen (positive und negative Verstärkung, Kompulsivität) und Selbstkontrolle und bestätigen damit aktuelle theoretische Konzeptualisierungen der Kauf-Shopping-Störung als Verhaltenssucht. Der Frage, inwieweit onlinespezifische Aspekte akzelerierend wirken können, wurde bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Eine weitere Forschungsherausforderung stellt die potentielle Spezifität der Kauf-Shopping-Störung dar. Zukünftige Studien sollten insbesondere konvergente und divergente Mechanismen der online/offline Kauf-Shopping-Störung im Vergleich zu anderen (online/offline) Verhaltenssüchten eruieren.


Offenlegung von Interessenskonflikten sowie Förderungen
Ich und die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.


Erklärung zur Finanzierung: DFG (FOR 2974; Projekt-Nr.: 411232260)

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Brand, M., & Müller, A. (2023). Kauf-Shopping-Störung. Deutscher Suchtkongress, 1(1). https://doi.org/10.18416/DSK.2023.877