Deutscher Suchtkongress
Bd. 1 Nr. 1 (2023): Deutscher Suchtkongress
https://doi.org/10.18416/DSK.2023.860

Cannabiskonsum in Deutschland und Europa: Einflussfaktoren und Trends (S01)

Cannabiskonsumstörungen in der ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung - eine Bestandsaufnahme aus bayerischer Perspektive

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Larissa Schwarzkopf (IFT Institut für Therapieforschung, München), Mark Hulm (IFT Institut für Therapieforschung, München), Rebekka Redel (Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München), Martin Tauscher (Kassenärztliche Vereinigung Bayerns, München)

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Die epidemiologische Bedeutung von Cannabiskonsum steigt ebenso wie die Anzahl der Betreuungen aufgrund von cannabinoidbezogenen Problemen in der Suchthilfe. Welchen Beitrag Vertragsärzt:innen (VÄ) und -psychotherapeut:innen (VPT) zur Versorgung von Menschen mit Cannabinoidkonsumstörungen leisten und welche Charakteristika das von VÄ und VPT behandelte Patientenkollektiv kennzeichnen ist hingegen weitgehend unbekannt.


Methoden
Alle Analysen beruhen auf Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Aus jahresbezogen berichteten Diagnosedaten wurden Patient:innen mit Cannabinoidkonsumstörungen (ICD10-Code F12) mittel M2Q-Kriterium identifiziert. Anhand der Daten wurde zunächst ermittelt, wie viele VÄ und VPT Patient:innen mit Cannabinoidkonsumstörungen behandeln. Anschließend wurde das entsprechende Patient:innenkollektiv hinsichtlich demographischer und komorbiditätsbezogener Charakteristika beschrieben. Trendanalysen zur Behandlungsprävalenz von 2014 bis 2021 geben Aufschluss über die Häufigkeit cannabinoidbezogener Störungen in der Behandlungspraxis.


Ergebnisse
Die Behandlungsprävalenz cannabinoidbezogener Störungen hat sich zwischen 2014 und 2021 von 34 Patient:innen je 100.000 Versicherte auf 86 Patient:innen je 100.000 Versicherte mehr als verdoppelt. Damit bilden Cannabinoidkonsumstörungen die zweithäufigste Konsumstörung durch illegale Substanzen im ärztlich/psychotherapeutischen Versorgungssetting nach Opioidkonsumstörungen. Insgesamt behandelt mehr als die Hälfte der Hausärzt:innen (53%) bzw. etwa ein Zwölftel der fachärztlich-tätigen Internist:innen (9%) Patient:innen mit Cannabinoidkonsumstörungen, bei den VPT ist es jede:r neunte (11%). Die 2020 knapp 9.000 durch bayerische VÄ und VPT behandelten Patient:innen mit Cannabinoidkonsumstörungen sind im Mittel 35 Jahre alt und überwiegend Männer (78%). Im Vergleich zum Gesamtkollektiv aller behandelten Patient:innen besteht eine erhöhte psychische Komorbiditätslast und der Aufwand für eine psychotherapeutische Versorgung ist deutlich erhöht.


Diskussion und Schlussfolgerung
Unter Berücksichtigung epidemiologischer Hintergrundinformationen scheint nur ein kleiner Teil der Menschen mit Cannabinoidkonsumstörungen aufgrund dieser Probleme ärztlich bzw. psycho-therapeutisch behandelt zu werden. Hierbei handelt es sich eher um „ältere“ Personen. Auffällig ist die im Vergleich zu anderen Substanzkonsumstörungen vergleichsweise hohe Bedeutung der psychotherapeutischen Behandlung. Diese Ergebnisse legen nahe, dass VÄ und VPT andere Personengruppen erreichen als die klassische Suchthilfe und sich die die unterschiedlichen Angebote gegenseitig ergänzen.


Offenlegung von Interessenskonflikten sowie Förderungen
Ich und die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.


Erklärung zur Finanzierung: Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Schwarzkopf, L., Hulm, M., Redel, R., & Tauscher, M. (2023). Cannabiskonsumstörungen in der ärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung - eine Bestandsaufnahme aus bayerischer Perspektive. Deutscher Suchtkongress, 1(1). https://doi.org/10.18416/DSK.2023.860