Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Wie viel ist zu viel? Möglichkeiten und Grenzen evidenzbasierter Konsumempfehlungen

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Florian Rehbein (FH Münster, Fachbereich Sozialwesen), Hans-Jürgen Rumpf (Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie,), Ulrich John (Universitätsmedizin Greifswald, Institut für Community Medicine, Abteilung für Präventionsforschung und Sozialmedizin), Helmut Seitz (Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg, Ethianum Klinik Heidelberg), Norbert Scherbaum (LVR-Universitätsklinik Essen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Fakultät der Universität Duisburg-Essen), Ursula Havemann-Reinecke (Universitätsmedizin Göttingen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie), Tobias Hayer (Universität Bremen, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Abteilung für Gesundheit und Gesellschaft, Arbeitseinheit Glücksspielforschung)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Der Vortrag thematisiert, wie sinnvoll wissenschaftlich begründete Empfehlungen für einen risikoarmen Umgang mit Alkohol, Cannabis, Glücksspiel und Computerspielen sind. Für Alkohol gilt inzwischen: Je weniger konsumiert wird, desto geringer ist das Gesundheitsrisiko – sichere Grenzwerte lassen sich nicht mehr festlegen. Für Cannabis gibt es keine verlässlichen Konsumgrenzen, aber Empfehlungen zur Risikoverringerung. Beim Glücksspiel existieren erste Richtwerte, bei Computerspielen fehlen belastbare Daten. Insgesamt zeigt sich: Empfehlungen brauchen eine gute wissenschaftliche Grundlage und müssen verständlich und alltagsnah vermittelt werden, um wirksam zu sein.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Evidenzbasierte Empfehlungen zum risikoarmen Umgang mit Konsumangeboten sollen gesundheitliche, psychische und soziale Schäden reduzieren. Ziel des Beitrags ist die Bewertung der wissenschaftlichen Evidenz sowie der Möglichkeiten und Grenzen entsprechender Empfehlungen.

Methoden
Grundlage ist ein narratives Review der Literatur zu Empfehlungen für Alkohol, Cannabis, Glücksspiel und Computerspielen. Analysiert wurden Evidenzlage, Ableitbarkeit von Grenzwerten sowie deren potenzieller präventiver Nutzen.

Ergebnisse
Für Alkohol zeigen aktuelle epidemiologische Daten einen linearen Zusammenhang zwischen Konsummenge sowie Morbidität und Mortalität. Grenzwerte risikoarmen Konsums erscheinen daher nicht mehr gerechtfertigt; empfohlen wird Abstinenz. Für Cannabis lassen sich auf Basis der vorhandenen Evidenz keine sicheren Konsumgrenzwerte ableiten; möglich sind jedoch Safer-Use-Empfehlungen zur Reduktion gesundheitlicher Konsumrisiken. Beim Glücksspiel lassen sich erste Beteiligungsgrenzen empirisch bestimmen, ihre Validität und Übertragbarkeit sind jedoch begrenzt. Für Computerspiele lässt der Forschungstand keine evidenzbasierten Konsumempfehlungen zu.

Diskussion und Schlussfolgerung
Evidenzbasierte Grenzwertempfehlungen setzen eine belastbare empirische Datenlage voraus, die für einige Konsumangebote bislang noch nicht ausreichend verfügbar ist. Bei unsicherer Evidenz kann zunächst ein Schwerpunkt auf konservative „safer use“-Empfehlungen gelegt werden. Damit solche Empfehlungen einen positiven Public-Health-Effekt entfalten können, müssen sie eine überzeugende kommunikative Brücke zwischen wissenschaftlicher Evidenz und gesellschaftlich normalisiertem Konsumverhalten schlagen. Nur auf diese Weise lassen sich Verständlichkeit, Akzeptanz und letztlich auch die Wirksamkeit der Empfehlungen fördern.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre die folgenden wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden:

HJR hat in den letzten fünf Jahren Forschungsförderung von öffentlichen Trägern erhalten: Bundesministerium für Gesundheit, Europäische Union, World Health Organization, Innovationsfonds, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Children and Screens – Institute of Digital Media and Child Development. Für Seminare zu Motivational Interviews sowie Vorträge zu Themen der Sucht erhielt er Honorare von Einrichtungen der Suchthilfe oder sozialen Hilfe, ebenso für wissenschaftliches Redigieren von Texten von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und der Helmholtz-Gesellschaft München sowie für die Bewertung von Interessenkonflikten bei einer Leitlinienentwicklung der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). Die vorliegende Publikation wurde unabhängig von externen Mitteln erstellt.
TH hat in den letzten fünf Jahren in hauptverantwortlicher Position finanzielle Zuwendungen in Form von Drittmitteln von dem Bundesministerium für Gesundheit, verschiedenen Bundesländern, dem Rechtsausschuss des Deutschen Lotto- und Totoblockes sowie der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder erhalten. Zudem ist TH u. a. Mitglied im Fachbeirat nach § 10 Abs. 1 Verwaltungsvereinbarung Glücksspielstaatsvertrag. Dieses Expertengremium berät die Bundesländer bei ausgewählten Aspekten der Glücksspielregulierung. Für Vorträge, Seminare und Fortbildungen hat TH Honorare von verschiedenen Institutionen erhalten; eine vollständige Liste ist unter www.tobha.de einsehbar. Die vorliegende Publikation wurde unabhängig von externen Mitteln erstellt.
UHR erhielt Sprecherhonorare und Reisekosten von verschiedenen Landesärztekammern und verschiedenen wissenschaftlichen Sucht- und psychiatrischen Fachverbänden, insbesondere zum Thema Cannabis, sowie vom Bundesministerium für Gesundheit. UHR hat keine Gelder von Industrieunternehmen erhalten. Sie ist Mitglied des DFG-Forschungszentrums Molekulare Physiologie des Gehirns (CNMPB) der Universität Göttingen.
NS hat im Zusammenhang mit dem vorliegenden Manuskript keine Interessenkonflikte.
FR hat keine Interessenkonflikte.
HKS hat keine Interessenkonflikte.
UJ hat keine Interessenkonflikte.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Rehbein, F., Rumpf, H.-J., John, U., Seitz, H., Scherbaum, N., Havemann-Reinecke, U., & Hayer, T. (2026). Wie viel ist zu viel? Möglichkeiten und Grenzen evidenzbasierter Konsumempfehlungen. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/3087