Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Die medizinische Evidenz

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Martina Sterneck (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Universitäres Transplantations-Centrum)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Viele Menschen brauchen eine neue Leber, wenn ihre eigene Leber durch Alkohol zu stark geschädigt wurde. In Deutschland müssen sie dafür normalerweise mindestens sechs Monate schon nicht mehr getrunken haben. Mittlerweile gibt es Hinweise, dass auch eine frühere Transplantation möglich ist.  Im Beitrag wird die aktuelle wissenschaftliche Literatur aus medizinischer Sicht zusammengefasst und erläutert.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
In Deutschland besteht seit 2015 die Möglichkeit, Patient:innen mit Alkohol-assoziierter Leberzirrhose in Ausnahmefällen auch dann auf die Warteliste aufzunehmen, wenn noch keine 6 monatige Alkoholabstinenz erreicht ist. Aufgrund des hohen Organmangels mit einer über 20%igen Mortalität auf der Warteliste wird dieses Vorgehen sehr kontrovers diskutiert. Im Beitrag wird die Fragestellung diskutiert, für welche Patient:innengruppen aus medizinsicher Sicht eine vorzeitige Transplantation durchgeführt werden sollte.

Methoden
Es erfolgte ein narratives Review zur aktuellen medizinischen Evidenz hinsichtlich der Forderung einer Abstinenzdauer von 6 Monaten vor Listung zur Lebertransplantation. Hierbei wird das Mortalitätsrisiko ohne und mit Transplantation auf dem Boden von internationalen Studien und Expertenmeinungen berücksichtigt. Die Ergebnisse werden im Anschluss im Rahmen eines Expertenworkshops diskutiert.

Ergebnisse
Es muss auf jeden Fall vermieden werden Patient:innen „unnötig“ zu transplantieren. Dies wäre der Fall, wenn die Regenerationsfähigkeit der Leber nicht abgewartet wird. Erfahrungsgemäß kann sich bei einigen Patient:innengruppen im Zeitraum von 3 bis 24 Monaten die Lebererkrankung komplett stabilisieren, so dass eine Transplantation zunächst nicht mehr nötig ist. Auch sollten Patienten nicht vor Ablauf einer 6 monatige Abstinenzphase auf die Warteliste aufgenommen werden, wenn sie in dieser Zeit nicht vital bedroht sind und die Karenzzeit zur besseren Einschätzung und ggf. auch Therapie der Prognose einer Alkoholerkrankung genutzt werden kann. Andererseits konnte in internationalen Studien gezeigt werden (P Mathurin et al NEJM 2011, A Louvet Lancet Gastro Hepatol 2022), dass Patient:innen mit schwerer Alkoholhepatitis ein Risiko von über 70% aufweisen, innerhalb von 3 Monaten ohne Transplantation an ihrer Erkrankung zu versterben. Schließlich muss bei dem bestehenden Organmangel das Risiko eines Transplantatverlustes bzw. der Mortalität post Transplantation im Falle eines Alkoholrückfalles im Sinne der verantwortsvollen Zuordnung der Organe mit Berücksichtigung finden.

Diskussion und Schlussfolgerung
Die medizinische Selektion der Patient:innen, die ohne 6 monatige Alkoholabstinenz eine Lebertransplantation erhalten sollten, ist aufgrund des Organmangels in Deutschland besonders schwierig.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Sterneck, M. (2026). Die medizinische Evidenz. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/3070