Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Komplexität neuronaler Signale im Nucleus accumbens – Multimodale Analyse von Dynamik, Mikrostruktur und Perfusion bei Alkoholabhängigkeit

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Niklaus Denier (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern), Tobias Bracht (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern), Leila Maria Soravia (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern), Maria Stein (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern), Franz Moggi (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern), Andrea Federspiel (Support Center for Advanced Neuroimaging (SCAN), University Institute of Diagnostic and Interventional Neuroradiology, University Hospital Bern, Switzerland.), Roland Wiest (Support Center for Advanced Neuroimaging (SCAN), University Institute of Diagnostic and Interventional Neuroradiology, University Hospital Bern, Switzerland.), Matthias Grieder (Translational Research Center, University Hospital of Psychiatry and Psychotherapy, University of Bern)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Der Nucleus accumbens ist Teil des Belohnungssystems und wichtig für Craving und Rückfälle bei Alkoholabhängigkeit. In einer Studie mit 46 Betroffenen und 20 Gesunden wurden verschiedene MRT?Methoden kombiniert. Dabei zeigte sich, dass die Gehirnsignale im Nucleus accumbens bei Alkoholabhängigen komplexer und weniger geordnet sind, besonders rechts. Höhere Komplexität hängt teilweise mit stärkerem Verlangen nach Alkohol zusammen. Zudem fanden sich Hinweise auf leichte Veränderungen der Mikrostruktur, jedoch keine Unterschiede in der Durchblutung. Insgesamt sprechen die Ergebnisse für eine veränderte Funktion dieses Hirnareals bei Alkoholabhängigkeit.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Der Nucleus accumbens ist ein Kerngebiet des mesolimbischen Belohnungssystems und maßgeblich an Craving, zwanghaftem Alkoholkonsum und Rückfällen bei Alkoholabhängigkeit beteiligt [1]. Chronischer Alkoholkonsum führt hier zu Veränderungen von Struktur, Konnektivität und Durchblutung. Eine multimodale Bildgebung mit Multiscale Sample Entropy (MSE) und Higuchi Fractal Dimension (HFD) zur Erfassung der Signalkomplexität, Fractional Anisotropy (FA) als Maß der Mikrostruktur sowie ASL Perfusion zur Bestimmung der regionalen Durchblutung ermöglicht eine integrierte Charakterisierung dieser Veränderungen und liefert mechanistische Einblicke in die Dysfunktion des Nucleus accumbens bei Alkoholabhängigkeit.

Methoden
Es wurden 46 Patient:innen mit Alkoholabhängigkeit (AUD) und 20 gesunde Kontrollen (HC) untersucht. Der NAcc wurde bilateral als ROI definiert. Alle Teilnehmenden erhielten ein standardisiertes MRT Protokoll mit struktureller Bildgebung, DWI zur Bestimmung von FA in NAcc nahen Bahnen, Ruhe fMRT zur Ableitung von MSE und HFD der NAcc Zeitsignale sowie ASL zur Messung der regionalen Perfusion. Craving wurde mit der Obsessive Compulsive Drinking Scale (OCDS) erhoben. Gruppenunterschiede (AUD vs. HC) und Zusammenhänge zwischen Bildgebungsparametern und Craving wurden mit parametrischen bzw. nichtparametrischen Tests analysiert.

Ergebnisse
Die multimodalen Ergebnisse zeigen Hinweise auf eine veränderte Organisation des Nucleus accumbens bei AUD: In den Komplexitätsmaßen liegen AUD Patient:innen gegenüber Kontrollen im HFD global und im rechten NAcc tendenziell bzw. signifikant höher. Die MSE ist im rechten NAcc im Vergleich zu HC auf mehreren Skalen erhöht; im linken NAcc korrelieren höhere MSE Werte auf höheren Skalen positiv mit dem Craving (OCDS). Diffusionsbasiert findet sich eine reduzierte FA im NAcc als Hinweis auf subtile Mikrostruktur Beeinträchtigungen, während sich in der ASL Perfusion keine signifikanten Gruppenunterschiede zwischen AUD und Kontrollen zeigen.

Diskussion und Schlussfolgerung
Bei Alkoholabhängigkeit deuten erhöhte Komplexitätsmaße (MSE, HFD) im Nucleus accumbens auf eine veränderte, dysregulierte Signaldynamik im Kern des Belohnungssystems hin. Dies erlaubt, AUD spezifische Funktionsstörungen und deren Zusammenhang mit Craving jenseits klassischer Struktur und Perfusionsmarker sichtbar zu machen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Denier, N., Bracht, T., Soravia, L. M., Stein, M., Moggi, F., Federspiel, A., … Grieder, M. (2026). Komplexität neuronaler Signale im Nucleus accumbens – Multimodale Analyse von Dynamik, Mikrostruktur und Perfusion bei Alkoholabhängigkeit. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/3042