Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress
Bestrafungsinsensitivität bei Verhaltenssüchten: Ergebnisse der Planets & Pirates Aufgabe
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Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache
Verhaltenssüchte sind ein wichtiges Problem, weil Betroffene ihr schädigendes Verhalten oft trotz schwerwiegender negativer Konsequenzen fortführen. In dieser Studie wollten wir herausfinden, warum manche Menschen unempfindlich gegenüber Bestrafung sind. Dafür analysierten wir das Entscheidungsverhalten von 122 gesunden Personen in einer Computer-Aufgabe, bei der bestimmte Handlungen unerwartet zu Punktverlust führten. Wir fanden heraus, dass unempfindliche Personen diese negativen Folgen zwar als unangenehm empfinden, aber nicht verinnerlichen, dass ihr eigenes Verhalten diese verursacht. Diese Ergebnisse können helfen, in künftigen Studien genauer zu erforschen, wie sich empfindliche und unempfindliche Personen bei Verhaltenssüchten unterscheiden und wie dieses fehlende Lernen entsteht.
Abstract
Hintergrund und Fragestellung
Bestrafungslernen ist ein zentraler Mechanismus adaptiver Entscheidungsfindung. Defizite zeigen sich besonders bei Abhängigkeitserkrankungen. Jean-Richard-dit-Bressel et al. (2021) zeigten, dass Bestrafungsinsensitivität bimodal verteilt ist und auf Defiziten im instrumentellen Kontingenzlernen beruht. Ziel der Studie war die Replikation dieser Befunde sowie die Untersuchung möglicher Zusammenhänge mit Symptomen internetbezogener Verhaltenssüchte in einer subklinischen Stichprobe.
Methoden
Teilnehmende (N = 122) bearbeiteten die computerbasierte „Planets & Pirates“-Aufgabe. Per Mausklick betrieben sie Handel mit zwei Planeten, um Punkte zu sammeln. Beide Planeten belohnten das Verhalten gleich, jedoch wurde der Handel mit einem Planeten zusätzlich bestraft. Gelegentlich tauchte ein feindliches Raumschiff (Gefahrensignal) auf, das zu Punktverlust führte. Mittels K-Means-Clusteranalyse wurden bestrafungssensitive und -insensitive Cluster gebildet. Zudem wurde Symptomschwere von Verhaltenssüchten per Fragebogen erhoben und explorativ mit dem Verhalten in der Aufgabe in Verbindung gesetzt.
Ergebnisse
Die bimodale Verteilung ließ sich replizieren: 32 Personen (25,4%) fielen in das sensitive, 90 (74,6%) in das insensitive Cluster. Während das sensitive Cluster den bestraften Planeten mied, zeigte das insensitive Cluster keine Anpassung. Beide Gruppen bewerteten Bestrafung gleich negativ. Der zentrale Unterschied lag im instrumentellen Lernen: Die sensitive Gruppe ordnete Bestrafungen signifikant stärker dem eigenen bestraften Verhalten zu als das insensitive Cluster. Die Cluster unterschieden sich nicht signifikant in der subklinischen Symptomschwere. Die Vermeidungspräferenz zeigte eine schwach negative Korrelation mit der Symptomschwere (r = -0,18). Diese Zusammenhänge werden zusätzlich in einer klinischen Stichprobe exploriert.
Diskussion und Schlussfolgerung
Die Kernbefunde wurden bestätigt: Bestrafungsinsensitivität beruht auf unzureichendem instrumentellem Kontingenzlernen („Wissen ohne Handeln“) und nicht auf fehlender Aversionsempfindlichkeit. In dieser subklinischen Stichprobe zeigte sich, dass höhere Symptomschwere mit einer verminderten Präferenz zur Vermeidung negativer Konsequenzen einhergeht. Unsere Folgestudie gibt Aufschluss darüber, ob sich dieser Trend in einer klinischen Stichprobe stärker zeigt. Die Erkenntnisse liefern wichtige mechanistische Erklärungsansätze für Verhaltenssüchte, bei denen das Lernen aus negativen Konsequenzen bekanntermaßen beeinträchtigt ist.
Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.
Die Arbeit der Autor:innen an diesem Abstract erfolgte im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe zu affektiven und kognitiven Mechanismen spezifischer Internetnutzungsstörungen (FOR2974, Pr.-Nr. 411232260).