Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Pawlowsche Kontrolle bei Alkoholgebrauchsstörung: Die Robot Factory als Go/No-Go-Paradigma

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Arvid Pietsch (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden), Hao Chen (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden), Willi Hieke (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden), Johannes Petzold (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden), Michael N. Smolka (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Die Studie untersucht, wie Menschen mit Alkoholproblemen in einem kurzen Computer-Spiel handeln. Das Handeln im Computerspiel kann Alkoholrückfälle vorhersagen. Verglichen werden sie mit ähnlichen Menschen ohne Alkoholproblem. Erste Daten zeigen deutliche Unterschiede im Verhalten. Später sollen auch Smartphone-Messungen im Alltag möglich werden. So wollen wir Rückfälle besser verstehen, früh erkennen und künftige Hilfe verbessern.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Eine gestörte Balance zwischen pawlowscher Handlungsaktivierung und zielgerichteter Kontrolle gilt als möglicher Mechanismus von Rückfällen bei der Alkoholgebrauchsstörung [1]. Belohnungsassoziierte Reize können automatische Handlungstendenzen verstärken und bei unzureichender Inhibition rückfallrelevantes Verhalten begünstigen. Die Robot Factory [2] ist ein kurzes (20 min) Go/No-Go-Computerspiel mit hoher Test-Retest-Reliabilität zur Untersuchung dieser Prozesse. Wir untersuchen, ob Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung im Vergleich zu gematchten Kontrollpersonen eine stärkere pawlowsche Beeinflussung zeigen.

Methoden
Im Rahmen einer laufenden Studie absolvieren Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung sowie mit Alter, Geschlecht und Bildungsweg gematchte Kontrollpersonen die Robot Factory (geplantes N = 75 je Gruppe). Positive und negative Valenz werden mit Go- beziehungsweise No-Go-Reaktionen orthogonalisiert, sodass vier Bedingungen entstehen: Go für Gewinn, No-Go für Gewinn, Go zur Verlustvermeidung und No-Go zur Verlustvermeidung. Die Verhaltensdaten werden mithilfe von Modellen des Verstärkungslernens analysiert, um Parameter wie Lernraten, Go-Bias und pawlowschen Bias zu schätzen. Gruppenvergleiche erfolgen unter Berücksichtigung kognitiver Kovariaten wie Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit.

Ergebnisse
Die Datenerhebung soll Ende August 2026 abgeschlossen werden. Eine gepoolte Zwischenauswertung der bisher erhobenen Daten (beide Gruppen zusammen N = 65) zeigt deutliche pawlowsche Bias-Effekte (15 ± 3 %), Go-Bias-Effekte (23 ± 4 %) und eine ausgeprägte Feedbacksensitivität (23 ± 2 %) bei Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung. Die Parameter des Verstärkungslernens weisen eine hohe Varianz auf, was auf relevante interindividuelle Unterschiede hindeutet. Nach Ende der Datenerhebung werden Gruppenunterschiede zwischen Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung und Kontrollen in Verhaltensmaßen und Parametern des Verstärkungslernens untersucht. Aktuell arbeiten wir zudem an einer smartphonebasierten Robot Factory-Version für ökologische Momentanbewertungen, um pawlowsche Kontrollprozesse künftig auch longitudinal zu erfassen und mit dem Konsumverhalten korrelieren zu können.

Diskussion und Schlussfolgerung
Die Robot Factory ist ein kurzes, motivierendes Paradigma zur Untersuchung von Handlungsaktivierung und Inhibition bei Alkoholgebrauchsstörung. Das Paradigma eignet sich für klinisch relevante Fragestellungen der Suchtforschung, insbesondere zur Untersuchung rückfallrelevanter Kontrollmechanismen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Die Autor:innen erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.



Diese Forschung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG-Projektnummern 402170461, TRR 265 und 454245598, IRTG 2773) gefördert.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Pietsch, A., Chen, H., Hieke, W., Petzold, J., & Smolka, M. N. (2026). Pawlowsche Kontrolle bei Alkoholgebrauchsstörung: Die Robot Factory als Go/No-Go-Paradigma. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2993