Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Zwischen Politik und Praxis: Eine qualitative Analyse interdisziplinärer Perspektiven auf Substanzgebrauch und Harm Reduction in Deutschland

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Samantha Santamaria (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Deutschland verfügt über sehr wirksame Angebote im Suchthilfesystem, dennoch erreichen diese viele Menschen, die Unterstützung benötigen, nicht. Das liegt nicht daran, dass diese Angebote nicht hilfreich sind. Vielmehr verhindern beispielsweise politische Aspekte, Bürokratie und digitale Zensur, dass sie eine breite Wirkung entfalten können. Diese Studie basiert auf Interviews mit 24 Expert:innen verschiedener Disziplinen aus Deutschland. Sie untersucht gezielt, warum wirksame Harm-Reduction-Angebote die Mehrheit der Menschen mit Substanzkonsumproblemen nicht erreichen und welche strukturellen Veränderungen erforderlich wären.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Deutschland hat Harm Reduction (Schadensminderung) als eine von vier Säulen der nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik verankert. Trotz dieses bundespolitischen Rahmens unterscheidet sich die Umsetzung zwischen den 16 Bundesländern erheblich. Die vorliegende Studie untersucht die Gestaltung und Umsetzung entsprechender Maßnahmen, Einflussfaktoren auf ihre Wirksamkeit und strukturelle Barrieren.

Methoden
Es wurden 24 halbstrukturierte Interviews mit zentralen Stakeholdern aus elf Bundesländern/Regionen durchgeführt, die direkt an der Gestaltung, Umsetzung, Evaluation oder Praxis von Harm Reduction in Deutschland beteiligt waren. Zu den Teilnehmenden gehörten beispielsweise politische Entscheidungsträger:innen, Praktiker:innen, Forschende, Akteur:innen aus der Justiz, Laborwissenschaftler:innen und Menschen mit eigenen Konsumerfahrungen. Die Daten wurden mittels einer hybriden deduktiv-induktiven thematischen Analyse ausgewertet.

Ergebnisse
Es zeigten sich fünf zentrale Ergebnisse. Erstens scheint die Aufgeschlossenheit auf Bundesebene durch administrative Lähmung, politische Verweigerung und institutionelle Fragmentierung auf Landesebene untergraben zu werden. Zweitens wurden in Frankfurter Drogenkonsumräumen seit der Eröffnung des ersten Angebots 1994 keine Todesfälle durch Überdosierung verzeichnet; dies liefert den konkretesten Hinweis der Studie auf die Wirksamkeit von Harm Reduction. Drittens wirkt die Zensur von Kommunikation zur Harm Reduction durch digitale Plattformen als strukturelle Barriere in sozialen Medien, App-Stores und der Sichtbarkeit in Suchmaschinen. Viertens reicht die Einbindung von User:innen von symbolischer Konsultation bis hin zu vollständiger Mitverwaltung von Angeboten. Fünftens schränkt das Fehlen von Institutionen, die Evidenz koordinieren und in Politik übersetzen, die politische Nachhaltigkeit von Angeboten ein, deren Wirksamkeit Praktiker:innen zwar beobachten, aber nicht in größerem Maßstab nachweisen können.

Diskussion und Schlussfolgerung
Harm Reduction in Deutschland scheint für die Menschen, die sie erreicht, gut zu wirken. Die zentrale Herausforderung ist vor allem struktureller Natur: Die institutionelle Architektur ermöglicht keine Ausweitung wirksamer Angebote auf die Mehrheit der Menschen mit Substanzkonsumproblemen, die außerhalb spezialisierter Versorgung bleiben. Die Studie formuliert gezielte Empfehlungen für die Bundes- und Landespolitik, die institutionelle Gestaltung sowie die Praxis in Deutschland.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich erkläre, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Santamaria, S. (2026). Zwischen Politik und Praxis: Eine qualitative Analyse interdisziplinärer Perspektiven auf Substanzgebrauch und Harm Reduction in Deutschland. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2966