Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Rauchstopp in der stationären Psychiatrie: Entwicklung und Startimplementierung eines setting-spezifischen Interventionsprogramms (PSY-Rauchstopp) in Aargau (Schweiz)

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Nikolai Kiselev (Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Universität Zürich), Eva-Maria Pichler (Psychiatrische Dienste Aargau AG), Armin Blickenstörfer (Psychiatrische Dienste Aargau AG), Marc Walter (Psychiatrische Dienste Aargau AG), Michael Schaub (Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Universität Zürich)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Rauchstopp in der Psychiatrie ist möglich – aber nicht einfach. Für viele Patient:innen ist Rauchen mehr als eine Gewohnheit: gegen Stress, strukturiert den Alltag und ist ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Wenn Rauchstoppangebote diese Funktionen nicht berücksichtigen, funktionieren sie oft nicht. Das Projekt „PSY-Rauchstopp“ entwickelt deshalb gemeinsam mit Patient:innen und Fachpersonal Lösungen, die im Klinikalltag wirklich umsetzbar sind. Freiwillige Angebote, passende Unterstützung und Alternativen zum Rauchen sind dabei entscheidend.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Menschen mit psychischen Erkrankungen weisen eine deutlich erhöhte Rauchprävalenz auf. Trotz klarer Leitlinienempfehlungen bestehen im psychiatrischen Setting weiterhin strukturelle, institutionelle und behandlungsbezogene Barrieren für die Umsetzung wirksamer Rauchstoppinterventionen. Rauchen erfüllt im klinischen Alltag häufig zentrale Funktionen wie Emotionsregulation, soziale Integration und Zeitstrukturierung, was die Umsetzung von Rauchstoppmassnahmen zusätzlich erschwert. Setting- und zielgruppenspezifische Ansätze, die sowohl Patient:innen als auch Fachpersonal einbeziehen, gelten als vielversprechend, sind jedoch bislang nur unzureichend entwickelt und implementiert.

Methoden
Dem Projekt liegt eine qualitative Studie zugrunde, in der 26 Patientinnen und Patienten sowie 24 behandelnde Mitarbeitende aus den beteiligten Stationen mittels leitfadengestützter Interviews befragt wurden. Die Ergebnisse flossen in die partizipative Entwicklung eines setting- und zielgruppenspezifischen Interventionsprogramms ein, das evidenzbasierte Elemente (z. B. Beratung, medikamentöse Unterstützung, strukturelle Massnahmen) integriert und auf eine Implementierung in der stationären Psychiatrie (PDAG) abzielt. Die initiale Umsetzung auf ausgewählten Stationen erfolgt per September 26.

Ergebnisse
Die qualitative Analyse zeigt eine hohe Relevanz des Themas sowie eine ausgeprägte Ambivalenz gegenüber Rauchstopp. Rauchen wird häufig als zentrales Coping-Instrument („letzter Anker“) beschrieben und erfüllt gleichzeitig wichtige soziale Funktionen, etwa als zentraler Ort sozialer Interaktion auf Station. Zudem zeigt sich eine starke Normalisierung des Rauchens im klinischen Setting sowie eine teilweise deutliche Konsumsteigerung während des Aufenthalts. Gleichzeitig berichten viele Patient:innen grundsätzliches Interesse am Rauchstopp, jedoch bei begrenzter aktueller Veränderungsbereitschaft. Als zentrale Voraussetzungen für erfolgreiche Interventionen werden Freiwilligkeit, geeignete Unterstützungsangebote (z. B. Nikotinersatz), alternative Bewältigungsstrategien genannt.

Diskussion und Schlussfolgerung
Das Projekt zeigt, dass die Implementierung von Rauchstoppinterventionen in der stationären Psychiatrie eine gezielte Berücksichtigung der funktionalen, sozialen und institutionellen Rolle des Rauchens erfordert. Interventionen müssen zentrale Funktionen des Rauchens – insbesondere Emotionsregulation und soziale Einbindung – aktiv adressieren und alternative Strategien bereitstellen. Partizipative und setting-spezifische Ansätze bieten ein hohes Potenzial, Barrieren frühzeitig zu identifizieren und zu adressieren.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass keine Interessenskonflikte bestehen.

Erklärung zur Finanzierung: Das Projekt wird durch den Schweizer Tabakpräventionsfonds (TPF) und den Kanton Aargau finanziert, wobei der TPF den grösseren Anteil der Finanzierung (ca. im Verhältnis 2:1) übernimmt. Zusätzlich wird das Projekt durch Eigenleistungen der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG) sowie des Schweizer Instituts für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) getragen. Die beiden primären Förderinstitutionen hatten keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung, Analyse oder Publikation.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Kiselev, N., Pichler, E.-M., Blickenstörfer, A., Walter, M., & Schaub, M. (2026). Rauchstopp in der stationären Psychiatrie: Entwicklung und Startimplementierung eines setting-spezifischen Interventionsprogramms (PSY-Rauchstopp) in Aargau (Schweiz). Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2961