Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Opioidkrise in Deutschland? Erkenntnisse aus einer bundesweiten Querschnittsbefragung in der deutschen Drogenszene.

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Jeanette Röhrig (Center for Clinical Innovation in Addiction Research, Stuttgart, Germany), Lorenz Sutter (Center for Clinical Innovation in Addiction Research, Stuttgart, Germany), Nicolas Witsch (Center for Clinical Innovation in Addiction Research, Stuttgart, Germany), Lena Rademacher (Center for Clinical Innovation in Addiction Research, Stuttgart, Germany), Maurice Cabanis (Klinikum Stuttgart)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Synthetische Opioide wie Fentanyl und Nitazene werden inzwischen auch in der deutschen Drogenszene konsumiert. Die Befragung zeigt: Viele Betroffene kennen die Risiken und haben Angst vor ungewollten Beimischungen in ihren Substanzen. Gleichzeitig berichten viele Konsumierende synthetischer Opioide von Überdosierungen. Angebote wie Drug-Checking werden bisher selten genutzt, wären aber für viele wichtig. Deutschland sollte die Entwicklung genau beobachten und Hilfsangebote zur Schadensminderung ausbauen.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Synthetische Opioide verursachen in Nordamerika jedes Jahr Zehntausende Todesfälle. Inzwischen gibt es Anzeichen dafür, dass synthetische Opioide auch auf dem europäischen Drogenmarkt an Bedeutung gewinnen. Ziel der Studie war es, den Konsum risikoreicher Substanzen in der deutschen Drogenkonsumszene zu untersuchen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den synthetischen Opioiden Fentanyl und Nitazenen, deren Bekanntheitsgrad, den Bedenken innerhalb der Konsumszene, den Erfahrungen mit Überdosierungen und der Nutzung von Angeboten zur Schadensminderung lag.

Methoden
Es wurde eine Online-Befragung mit Personen der Drogenkonsumszene an zahlreichen Standorten in ganz Deutschland durchgeführt. Die Rekrutierung erfolgte durch Peers aus lokalen Selbsthilfegruppen und Familienverbänden sowie durch Aushänge in Suchtkliniken und Substitutionspraxen.

Ergebnisse
227 Befragte berichteten über ihren Konsum von durchschnittlich 6,2 Substanzen. 73,1 % hatten im vergangenen Jahr mindestens ein Opioid konsumiert. Synthetische Opioide wurden in vielen Teilen Deutschlands und in allen Alters- und Geschlechtsgruppen konsumiert. Unter den Befragten, die im vergangenen Jahr eine mangelnde Verfügbarkeit ihres primären Opioids erlebt hatten, gaben 25 % an, stattdessen Fentanyl konsumiert zu haben. Mehr als die Hälfte der Personen, die synthetische Opioide konsumierten, berichteten in den letzten zwölf Monaten eine Überdosis erlebt zu haben. Die meisten Befragten schätzten synthetische Opioide als hochriskant ein, und ein erheblicher Anteil äußerte die Befürchtung, dass diese in ihre eigenen Substanzen beigemischt werden könnten. Jedoch nahmen nur 9,9% Drug-Checking-Angebote wahr, wobei die überwiegende Mehrheit angab, dass sie dieses nutzen würden, wenn es ihnen zur Verfügung stünde.

Diskussion und Schlussfolgerung
Synthetische Opioide haben Einzug in die deutsche Drogenszene gehalten; Konsumenten berichten von hohen Überdosierungsraten und einem eingeschränkten Zugang zu Maßnahmen der Schadensminderung. Deutschland befindet sich möglicherweise in einer frühen Phase der Zunahme von synthetischen Opioiden. Um einer Entwicklung wie in den USA oder Kanada entgegenzuwirken, scheint ein Monitoring und ein Ausbau von Angeboten der Schadensminderung sinnvoll.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.



Erklärung zur Finanzierung: Das Projekt wurde durch die Krafft-Stiftung gefördert.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Röhrig, J., Sutter, L., Witsch, N., Rademacher, L., & Cabanis, M. (2026). Opioidkrise in Deutschland? Erkenntnisse aus einer bundesweiten Querschnittsbefragung in der deutschen Drogenszene. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2959