Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Kompulsive Mechanismen bei der problematischen Nutzung sozialer Netzwerke und der Kauf-Shoppingstörung

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Jana Theisejans (Universität Duisburg-Essen), Lena Klein (Universität Duisburg-Essen), Annica Kessling (Universität Duisburg-Essen), Tobias A. Thomas (Medizinische Hochschule Hannover), Sabine Steins-Loeber (Universität Bamberg), Astrid Müller (Medizinische Hochschule Hannover), Elisa Wegmann (Universität Duisburg-Essen), Matthias Brand (Universität Duisburg-Essen)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Das Problem: Soziale Netzwerke und Online-Shopping können ein ernstzunehmendes Problem werden, wenn Menschen aufgrund ihrer Nutzung im Alltag beeinträchtigt werden.


Ziel der Studie: In dieser Studie wollen wir herausfinden, welche psychologischen Mechanismen dazu führen, dass aus belohnender Nutzung ein zwanghaftes „Müssen" wird.


Methode: Dafür befragten wir bislang 228 Personen zu ihren Gewohnheiten, Gefühlen und Persönlichkeitseigenschaften, um zu prüfen, wie diese Faktoren zusammenhängen.


Wichtigstes Ergebnis: Wir fanden heraus, dass die Angst, etwas zu verpassen, sowie die Erwartung, negative Gefühle durch die Nutzung zu lindern, eine zentrale Rolle dabei spielen, wie stark jemand problematisch soziale Netzwerke nutzt oder online shoppt.


Bedeutung: Diese Ergebnisse können helfen, Therapieansätze für Betroffene zu verbessern.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Die Nutzung sozialer Netzwerke und von Online-Shopping ist aufgrund der Architektur moderner Applikationen zunehmend eng miteinander verknüpft. Beide Verhaltensweisen können im Laufe der Zeit problematisch werden, wobei sich dysfunktionale Nutzungsmuster entwickeln. Auch wenn in der Forschung beide Verhaltensweisen häufig getrennt voneinander betrachtet werden, weisen Befunde auf vergleichbare affektive und kognitive Mechanismen sowie gemeinsame transdiagnostische Faktoren wie Kompulsivität hin. In der vorliegenden Studie wird geprüft, welche kompulsiven Mechanismen dazu beitragen, dass soziale Netzwerke oder Online-Shopping-Angebote scheinbar automatisch und zwanghaft genutzt werden. Es wird angenommen, dass die Effekte individueller Risikofaktoren (z.B. psychologische Vulnerabilität, Zugehörigkeitsbedürfnis, Impulsivität, materialistische Werte) auf die Symptomschwere einer problematischen Nutzung durch negative Verstärkungsmechanismen (Kompensationserleben und Vermeidungserwartungen), Fear of Missing Out (FoMO) und spezifischer Verhaltensautomatisierung mediiert werden.

Methoden
Zur Überprüfung der Hypothesen wurde ein Strukturgleichungsmodell (SEM) analysiert. Die vorliegende vorläufige Analyse basiert auf Daten von 228 überwiegend weiblichen Teilnehmenden (Alter: M=29.02, SD=9.75, Range: 18-64) von drei Teilprojekten (RP 5, RP 8, RP 10) der DFG-Forschungsgruppe FOR2974. Die Teilnehmenden durchliefen eine Kernbatterie aus verschiedenen Selbstauskunftsfragebögen sowie neuropsychologischen Paradigmen (z.B. zur Messung von kognitiver Flexibilität oder Inhibitionskontrolle).

Ergebnisse
Das SEM zeigt akzeptable Fit-Indizes (RMSEA = .076, SRMR = .066, CFI = .894, TLI = .870). Zugehörigkeitsbedürfnis und materialistische Werte wiesen positive Assoziationen mit FoMO auf, und FoMO hing mit stärkeren negativen Verstärkungsmechanismen zusammen. Negative Verstärkungsmechanismen gingen wiederum mit einer höheren Symptomschwere und Verhaltensautomatisierung einher. Trotz der verbundenen direkten Pfade waren die spezifischen indirekten Mediationseffekte über das gesamte Modell hinweg nicht signifikant.

Diskussion und Schlussfolgerung
Die akzeptablen Fit-Indizes sowie die signifikanten direkten Pfade liefern erste Hinweise auf die angenommenen kompulsiven Mechanismen, insbesondere die Pfade über die negativen Verstärkungsmechanismen hin zur Symptomschwere. Die nicht-signifikanten Mediationseffekte deuten auf Optimierungspotenzial des Modells hin. Die Identifikation solcher Mechanismen ist relevant für die Weiterentwicklung psychotherapeutischer Interventionen und kann perspektivisch auch zur Ableitung evidenzbasierter Empfehlungen für das Design digitaler Applikationen beitragen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Theisejans, J., Klein, L., Kessling, A., Thomas, T. A., Steins-Loeber, S., Müller, A., … Brand, M. (2026). Kompulsive Mechanismen bei der problematischen Nutzung sozialer Netzwerke und der Kauf-Shoppingstörung. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2957