Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress
Reizreaktivität bei Gaming- und Pornographienutzungsstörung: Neurale Korrelate distaler und proximaler Reize
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Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache
Personen mit einer Gaming- oder Pornographiesucht werden oft durch alltägliche Reize ungewollt zu problematischem Verhalten angeregt. Dies führt häufig zu einer verringerten Kontrolle über das Verhalten.
In dieser Studie wollten wir herausfinden, ob vermehrte Anzeichen einer Gaming- oder Pornographiesucht mit einer veränderten Reizverarbeitung im Gehirn einhergeht. Wir nutzten dabei Reize mit konkreten Gaming- oder pornographischen Inhalten oder solche, die lediglich Login-Seiten zeigten.
Dafür untersuchten wir Personen mit unterschiedlich ausgeprägten Anzeichen einer Gaming- und Pornographiesucht während einer funktionellen Magnetresonanztomographie.
Wir fanden heraus, dass auch Reize, die nur indirekt mit Gaming oder Pornographie zu tun haben, eine deutlich veränderte Reaktion im Gehirn auslösen können.
Diese Ergebnisse können helfen zu verstehen, warum es Betroffenen schwerfällt, ihr Verhalten im Alltag zu kontrollieren.
Abstract
Hintergrund und Fragestellung
Reizreaktivität gilt als zentraler Mechanismus bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Verhaltenssüchten. Bisher untersuchten Studien dabei überwiegend proximale Reize, die in direktem Zusammenhang mit dem belohnenden Verhalten stehen (z.B. explizite pornographische Inhalte oder In-Game-Szenen). Aktuelle Evidenz zeigt jedoch, dass auch distale Reize, die lediglich indirekt mit dem Verhalten verknüpft sind (z.B. Start- oder Log-In-Screens entsprechender Angebote), eine Reizreaktivität auslösen können. Aufgrund ihrer hohen Alltagspräsenz könnten distale Reize dadurch die Persistenz problematischer Internetnutzung und einen möglichen Kontrollverlust begünstigen. Ziel dieser Studie ist daher die systematische Analyse neuraler Korrelate der Reizreaktivität auf proximale und distale Reize.
Methoden
Im Rahmen eines Teilprojekts der DFG-Forschungsgruppe FOR2974 wurden 84 männliche Teilnehmende mit variierender Symptomschwere in den Bereichen Pornographie- und Gamingnutzung mittels fMRT und einem Reizreaktivitätsparadigma untersucht. Die Symptomschwere wurde mit dem ACSID-11 erhoben. In Whole-Brain-Analysen wurde gruppenspezifisch für Pornographie- und Gamingnutzung die Assoziation zwischen Symptomschwere und der Verarbeitung suchtbezogener (proximaler/distaler) im Vergleich zu neutralen Reizen unter Einbezug linearer und quadratischer Effekte analysiert.
Ergebnisse
Bei distalen Gamingreizen im Vergleich zu neutralen Reizen traten in Abhängigkeit von der Symptomschwere lineare Effekte in vorwiegend okzipitalen Arealen auf (V1, Cuneus, Gyrus lingualis, okzipitaler Pol). Negative quadratische Effekte fanden sich in parietalen Regionen (superiorer Parietallappen, supramarginaler Gyrus, Gyrus angularis). Für pornographische distale versus neutrale Reize zeigte sich bei einer Small-Volume-Correction ein linearer Effekt im ventralen Striatum. Proximale pornographische Reize induzierten positive quadratische Effekte über okzipitale und parietale Regionen (V1, Gyrus lingualis, Cuneus, Precuneus).
Diskussion und Schlussfolgerung
Die Ergebnisse zeigen, dass die neurale Verarbeitung sowohl von proximalen als auch von distalen Reizen mit der Symptomschwere in Zusammenhang steht. Die beobachteten Veränderungen scheinen jedoch spezifisch für die suchtartigen Verhaltensweisen zu sein. Insbesondere sind Unterschiede in der visuellen Informationsverarbeitung, der sensorischen Integration sowie der Verarbeitung von Belohnung und Motivation zu erkennen. Die heterogenen Ergebnisse zwischen problematischer Pornographie- und Gamingnutzung bedürfen weiterer Untersuchungen.
Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.