Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Habits in natürlicher Umgebung: Messmethoden im systematischen Überblick.

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Alexander Busch (Professur für Allgemeine Psychologie, Department Psychologie, Universität Siegen), Stephan Nebe (Zurich Center for Neuroeconomics, Department of Economics, Universität Zürich), Anja Kräplin (Forschungsbereich Systemische Neurowissenschaften, Technische Universität Dresden), Stephanie Antons (Professur für Allgemeine Psychologie, Department Psychologie, Universität Siegen)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Gewohnheiten können ein Grund dafür sein, dass Menschen bestimmte Verhaltensweisen immer wieder zeigen, selbst, wenn sie negative Folgen haben. Gewohnheiten laufen oft automatisch ab, folgen festen Routinen oder sind weniger zielgerichtet.


Ziel der Arbeit war es herauszufinden, wie solche Gewohnheiten im Alltag gemessen werden können. Dafür wurden Studien systematisch gesucht und Methoden von 49 Studien analysiert.


Die Ergebnisse zeigen, dass Gewohnheiten meist über Häufigkeit eines Verhaltens oder subjektive Einschätzungen erfasst werden. Direkte Messungen, z.B. über Sensordaten des Smartphone werden nur selten eingesetzt. Außerdem werden verschiedene Merkmale von Gewohnheiten oft nicht klar unterschieden.


Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass wichtige Merkmale von Gewohnheiten im Alltag oft nicht gut erfasst werden. Künftige Studien sollten deshalb unterschiedliche Methoden verbinden und direkte Messungen stärker einbeziehen.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Die Entwicklung von habituellen Handlungen gilt als zentraler Mechanismus für die Aufrechterhaltung wiederkehrender suchtartiger Verhaltensweisen (z.B. Alkoholkonsum oder Smartphonenutzung). Dual-Prozess-Ansätze zur Verhaltenssteuerung konzipieren Verhalten als Zusammenspiel zielgerichteter und habitualisierter Prozesse. Während Laborstudien wichtige Erkenntnisse zur Entwicklung von Habits sowie ihrer Relevanz in der Entwicklung psychischer Erkrankungen liefern, ist bislang unzureichend geklärt, wie habituelle Handlungen unter Alltagsbedingungen valide und reliabel erfasst werden können. Ziel dieses präregistrierten systematischen Reviews ist die Differenzierung zentraler Habitfacetten (Automatizität, Routine, Zielgerichtetheit) sowie Identifikation, Einordnung und methodische Bewertung feldbasierter Verfahren zur Habitmessung.

Methoden
In Anlehnung an die PRISMA Richtlinien wurde die systematische Literaturrecherche in PsycINFO, PubMed, Scopus und Web of Science (2000–2025) durchgeführt. Eingeschlossen wurden Primärstudien mit feldbasierten Methoden wie Ecological Momentary Assessment, Experience Sampling, Tagebuchverfahren, passivem Sensing oder Selbstberichtsinstrumenten. Insgesamt wurden 63 relevante Berichte identifiziert. Die Analyse umfasste die Operationalisierung zentraler Habitfacetten sowie die Bewertung hinsichtlich methodischer Qualität und Validität.

Ergebnisse
Habits wurden überwiegend über Selbstberichte und die Häufigkeit bzw. Regelmäßigkeit der Verhaltensausführung operationalisiert, während direkte bzw. objektive Maße automatisierter Prozesse (z. B. passives Sensing, Verhaltensdaten) selten erfasst wurden. Dabei zeigte sich eine Diskrepanz zwischen theoretischen Habitdefinitionen, insbesondere hinsichtlich der Automatizität, und deren empirischer Operationalisierung. Feldbasierte intensive Längsschnittmethoden ermöglichten zwar die Erfassung zeitlicher Dynamiken, wurden jedoch selten zur direkten Messung automatisierter Prozesse genutzt. Objektive Verhaltensindikatoren erwiesen sich als kontextsensitiver, während Selbstberichte eher globale Einschätzungen abbildeten. Multimethodale Ansätze waren selten, und zentrale Habitfacetten wurden häufig nicht differenziert erfasst, was die Vergleichbarkeit und Validität der Befunde einschränkt.

Diskussion und Schlussfolgerung
Das Review liefert einen systematischen Überblick über feldbasierte Methoden zur Habitmessung und identifiziert zentrale methodische Herausforderungen. Die Befunde unterstreichen die Notwendigkeit theoriegeleiteter, multimethodaler Ansätze, um habituelle Handlungen im Alltag und im Kontext substanzbezogener und verhaltensbezogener Süchte reliabler und valider zu erfassen sowie klarer von zielgerichtetem Verhalten abzugrenzen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Erklärung zur Finanzierung:

Stephan Nebe wurde durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNSF, Grant Nr. 215002) unterstützt.

Anja Kräplin wird und wurde hauptsächlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Sonderforschungsbereiche SFB 940 (Projektnummer 178833530) und TRR 265 (Projektnummer 402170461) gefördert. Zudem erhielt sie von Januar 2022 bis März 2023 eine Projektauftragsförderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz im Rahmen der Evaluierung der Spielverordnung und von April 2023 bis März 2025 eine Projektförderung des International Center for Responsible Gaming (ICRG).

Die Arbeit von Stephanie Antons an diesem Artikel erfolgte im Rahmen des DFG-geförderten Projektes 505991343 sowie der DFG-Forschungsgruppe FOR2974 (411232260).

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Busch, A., Nebe, S., Kräplin, A., & Antons, S. (2026). Habits in natürlicher Umgebung: Messmethoden im systematischen Überblick. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2934