Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Untersuchung komplexer Geschlechtsunterschiede in Verstärkungsprozessen internetbezogener Verhaltenssüchte

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Faye Béatrice Véronique Oueslati (Universität Duisburg-Essen), Silke M. Müller (Universität Duisburg-Essen), Verena Vogel (Otto-Friedrich-Universität Bamberg), Sabine Steins-Loeber (Otto-Friedrich-Universität Bamberg), Elisa Wegmann (Universität Duisburg-Essen), Nicole Krämer (Universität Duisburg-Essen)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Problematische Internetnutzung kann suchtähnliche Verhaltensweisen auslösen und betrifft viele Menschen. Bisher ist wenig darüber bekannt, wie biologisches und soziales Geschlecht dabei eine Rolle spielen - etwa ob Belohnungs- oder Linderungsprozesse bei verschiedenen Geschlechtern unterschiedlich ausgeprägt sind. In dieser Studie untersuchen wir, wie verschiedene Aspekte von Geschlecht mit solchen Verstärkungsprozessen bei problematischer Internetnutzung zusammenhängen. Dafür analysieren wir Daten von Erwachsenen mit riskanter oder problematischer Internetnutzung und betrachten sowohl das bei Geburt zugewiesene Geschlecht als auch mehrere Dimensionen von sozialem Geschlecht. Unser Hauptziel ist zu prüfen, ob ein differenzierteres Bild von Geschlecht mehr erklärt als eine rein binäre Einteilung - und damit Prävention und Behandlung für alle Menschen zu verbessern.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Evidenz aus der Forschung zu substanzbezogenen Störungen weist auf relevante Unterschiede bzgl. biologischem und sozialem Geschlecht in suchtbezogenen Prozessen hin (z.B. im Zusammenhang mit positiver/negativer Verstärkung). Der Effekt von positiver und negativer Verstärkung ist auch ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung einer problematischen Internetnutzung (PUI). Bisher fehlt es jedoch an einer systematischen Untersuchung von Geschlechtseffekten, insbesondere da dies durch eine Konfundierung von Geschlecht und Art der problematischen Internetnutzung erschwert wird. Für zukünftige Forschung ist es ebenfalls essenziell, klar zwischen biologischem und sozialem Geschlecht zu unterscheiden und differenzierte Erfassungsansätze für Geschlecht zu implementieren. Diese Studie adressiert das Zusammenspiel von Verstärkungsmechanismen, Geschlechtsunterschieden und einer innovativen multidimensionalen Erfassung von Geschlecht unter Berücksichtigung von spezifischen Formen der PUI.

Methoden
Im Rahmen einer aktuell laufenden Erhebung der Forschungsgruppe FOR2974 (aktuell N=447 Teilnehmer*innen) ist eine systematische Untersuchung von Erwachsenen im Alter von 18-50 Jahren mit riskanter oder pathologischer Internetnutzung hinsichtlich Online-Gaming, Online-Kauf/Shopping, Nutzung sozialer Netzwerke oder Online-Pornographiekonsum geplant. Erfasst werden zentrale Aspekte positiver/negativer Verstärkungsprozesse: Belohnungs- und Linderungs-Craving (CASBA), Gratifikations- und Kompensationserleben (EGS/ECS-Subskalen) sowie positive und vermeidungsbezogene Nutzungserwartungen (IUES).

Ergebnisse
Es werden systematische Gruppenunterschiede hinsichtlich der Verstärkungsmechanismen zwischen Geschlechtern unter Berücksichtigung der spezifischen Internetnutzung geprüft. Zusätzlich werden in einem multidimensionalen Ansatz kontinuierliche Messungen verschiedener Aspekte von Geschlecht einbezogen, um zu prüfen, ob Geschlechtsunterschiede in Verstärkungsmechanismen durch differenzierte Geschlechtsprofile besser erklärt werden als durch binäre Kategorisierungen; ergänzend kommen Machine-Learning-Methoden zum Einsatz, um nicht-lineare Muster zu identifizieren und konventionelle statistische Befunde zu validieren.

Diskussion und Schlussfolgerung
Indem diese Studie multidimensionale Geschlechtserfassung mit einer systematischen Untersuchung von Verstärkungsprozessen über verschiedene Formen der PUI hinweg verbindet, ermöglicht sie eine differenzierte Analyse von Geschlechtseffekten jenseits binärer Kategorisierungen. Ziel ist es, sowohl erwartete Muster binärer Geschlechtsunterschiede zu bestätigen als auch zu prüfen, ob differenzierte Geschlechtsprofile diese Unterschiede besser erklären - und damit eine Grundlage für zukünftige konfirmatorische Forschung und geschlechtssensitivere Modelle verhaltensbezogener Abhängigkeiten zu schaffen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.



Erklärung zur Finanzierung: Die Arbeit der Autor*innen an diesem Abstract erfolgte im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe zu affektiven und kognitiven Mechanismen spezifischer Internetnutzungsstörungen (FOR2974, Pr.-Nr. 411232260).

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Oueslati, F. B. V., Müller, S. M., Vogel, V., Steins-Loeber, S., Wegmann, E., & Krämer, N. (2026). Untersuchung komplexer Geschlechtsunterschiede in Verstärkungsprozessen internetbezogener Verhaltenssüchte. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2927