Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress
Der lange Schatten der Kindheit: Wie frühe Traumatisierung das Stigmatisierungserleben der Sucht beeinflusst
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Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache
Viele suchtkranke Menschen schämen sich stark. Aus Angst vor Verurteilung gehen sie oft nicht zum Arzt.
Forscher in Frankfurt haben 129 Suchtkranke befragt. Sie untersuchten, wie sich schlimme Erlebnisse in der Kindheit (Traumata) auf die Sucht auswirken.
Die Ergebnisse:
Über 70 Prozent der Befragten hatten ein Kindheitstrauma.
Diese Menschen schämen sich noch mehr für ihre Sucht.
Sie haben eine schlechtere Lebensqualität.
Sie verschweigen Ärzten oft ihren Drogenkonsum und meiden medizinische Hilfe.
Suchtkranke mit einem Kindheitstrauma sind besonders belastet. Ärzte und Therapeuten müssen diese starke Scham bei der Behandlung unbedingt beachten.
Abstract
Hintergrund und Fragestellung
Abhängigkeitserkrankungen zählen zu den am stärksten stigmatisierten psychischen Erkrankungen [1]. Selbststigmatisierung ist ein zentraler Faktor in der Entstehung der Behandlungslücke und beeinflusst Hilfesuchverhalten, Therapieretention und Behandlungserfolg [2]. Stigmatisierung im Gesundheitswesen führt zu geringerer Offenheit bezüglich Substanzkonsum, zu Vermeidung und Abbruch von Behandlungen (somatisch und andere) [3]. Traumatische Kindheitserfahrungen gehen ihrerseits mit einem erhöhten Stigmatisierungserleben einher [4]. Wie sich Stigmatisierung und Kindheitstraumata gegenseitig beeinflussen und welche Konsequenzen daraus für die medizinisch-therapeutische Versorgung Betroffener entstehen, ist bislang nicht untersucht worden.
Methoden
In einer prospektiven Beobachtungsstudie an der Universitätsmedizin Frankfurt wurden zwischen November 2021 und August 2024 N = 129 stationär entgiftete Patient:innen mit einer Abhängigkeitserkrankung (F1x.2) eingeschlossen. Erhoben wurden traumatische Kindheitserfahrungen (CTQ), internalisiertes Stigmatisierungserleben (ISAI), Lebensqualität (EQ-5D-VAS) sowie ein neu entwickeltes Instrument zur Erfassung stigma-bedingter Vermeidung medizinischer Versorgung [3].
Ergebnisse
71 % der Studienteilnehmenden berichteten über mindestens eine Form traumatischer Kindheitserfahrungen, 56 % über multiple Traumatisierungen. Die Gruppe mit Kindheitstrauma wies ein substanziell höheres Stigmatisierungserleben auf (ISAI M = 56.9 vs. 46.0; p < .001; Cohens d ? 0.8), häufiger selbstverletzendes Verhalten (51 % vs. 27 %; p = .018) sowie eine deutlich schlechtere Lebensqualität (p < .001). Teilnehmende mit schwererer Traumatisierung verschwiegen ihren Konsum gegenüber medizinischem Personal signifikant häufiger (p = .004) und nahmen aus Angst vor stigmatisierender Behandlung seltener medizinische Hilfe in Anspruch (p = .013). Subgruppenanalysen zeigten konsistente Zusammenhänge zwischen Stigmatisierungserleben und emotionaler Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung sowie sexuellem Missbrauch, jedoch nicht für körperliche Misshandlung oder Vernachlässigung.
Diskussion und Schlussfolgerung
Traumatische Kindheitserfahrungen charakterisieren eine klinisch deutlich abgrenzbare Hochrisiko-Subgruppe mit ausgeprägterem Stigmatisierungserleben, mehr selbstverletzendem Verhalten, geringerer Lebensqualität und stärkerer Vermeidung medizinischer Versorgung. Die Befunde unterstreichen die besondere Notwendigkeit, das verstärkte Stigmatisierungserleben bei Personen mit Kindheitstraumata therapeutisch zu berücksichtigen.
Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.