Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Veränderte kortiko-striatale Konnektivität auf Gaming-Reize bei riskantem und pathologischem Computerspielverhalten

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Aron Lichte (Allgemeine Psychologie: Kognition, Fakultät für Informatik, Universität Duisburg-Essen), Kjell Büsche (Allgemeine Psychologie: Kognition, Fakultät für Informatik, Universität Duisburg-Essen), Lukas Mallon (Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, LWL-Universitätsklinikum, Ruhr-Universität Bochum), Martin Diers (Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, LWL-Universitätsklinikum, Ruhr-Universität Bochum), Oliver T. Wolf (Kognitionspsychologie, Institut für Kognitive Neurowissenschaft, Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum), Matthias Brand (Allgemeine Psychologie: Kognition, Fakultät für Informatik, Universität Duisburg-Essen), Stephanie Antons (Allgemeine Psychologie, Universität Siegen)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Bei Sucht nach Computerspielen reagiert das Gehirn empfindlich auf Spielreize, sodass Betroffene scheinbar automatisch dem Verhalten nachgehen, obwohl ihnen das nicht gut tut. Wir haben untersucht, wie sich der Informationsaustausch zwischen verschiedenen Hirnregionen je nach Suchtstärke verändert. Wir fanden heraus, dass das bei starker Computerspielsucht das Gehirn scheinbar mehr Aufwand betreibt, um den Spieldrang zu kontrollieren und Areale für bewusstere Lenkung von Handlungen und Aufmerksamkeit weniger Austausch mit den Arealen für impulsive Motivation betreiben. Diese Ergebnisse können helfen, den Kontrollverlust in entscheiden Momenten besser zu verstehen und gehirnbezogene und therapeutische Ansätze zu finden, um diesen entgegenzuwirken.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Neurowissenschaftliche Modelle zur Entwicklung und Aufrechterhaltung von substanz- und verhaltensbezogenen Süchten, wie dem pathologischen Computerspielen, stellen Dysbalancen in fronto-striatalen Netzwerken ins Zentrum. Während in frühen Phasen der Suchtentwicklung primär belohnungsgesteuerte Prozesse (ventromediales Netzwerk) dominieren sollen, wird über den Störungsverlauf eine Verlagerung zu scheinbar habituellen, kompulsiven Prozessen (dorsales Netzwerk) angenommen. Zudem wird eine zunehmende Dominanz impulsiv-striataler Prozesse über die reflektiv-kortikale Kontrolle bei der suchtbezogenen Reizverarbeitung diskutiert. Ziel dieser Studie ist es, die Kommunikation zwischen kortikalen und striatalen Hirnarealen bei Gaming-Reizen in Abhängigkeit der Symptomschwere der Computerspielstörung zu untersuchen.

Methoden
Im Rahmen der FOR2974 wurden 7-Tesla-fMRT-Daten von 64 männlichen Videospielern analysiert. Anhand strukturierter, diagnostischer Interviews wurde das Computerspielverhalten als nicht-problematisch (n=23), riskant (n=26) oder pathologisch (n=15) eingeteilt. In einem Cue-reactivity-Paradigma wurden proximale (In-Game-Szenen) und distale (Login-Bildschirme) Gaming-Reize präsentiert. Die reizabhängige funktionelle Konnektivität von drei striatalen Subregionen (ventrales [VS], exekutiv-dorsales [eDS] und sensomotorisch-dorsales Striatum [sDS]) mit kortikalen Arealen wurde unter anderem mittels Seed-to-Voxel Generalized Psychophysiological Interaction (gPPI) Analysen untersucht.

Ergebnisse
Vorläufige Seed-to-Voxel gPPI-Analysen zeigten für distale Gaming-Reize mit zunehmender Symptomschwere eine ansteigende VS-Konnektivität mit dem ventrolateralen präfrontalen Kortex sowie des eDS mit dem dorsolateralen präfrontalen Kortex. Gegenüber der nicht-problematischen Gruppe wiesen die riskante und pathologische Gruppe eine verringerte Konnektivität des eDS zu primär-visuellen Arealen auf. Die riskante Gruppe zeigte zudem eine verminderte sDS-Kopplung zum lateralen prämotorischen Kortex.

Diskussion und Schlussfolgerung
Die Ergebnisse weisen auf symptomrelevante Veränderungen ventro- und dorsostriataler Netzwerke bei der Verarbeitung distaler Gaming-Reize hin. Die mit steigender Symptomschwere zunehmende striatale Kopplung mit exekutiven Arealen indiziert möglicherweise einen erhöhten Kontrollbedarf, um impulsiv-striatale Prozesse zu regulieren. Die Entkopplung dorsostriataler Areale von visuellen und prämotorischen Kortizes spiegelt womöglich eine Reduktion regulierender Aufmerksamkeits- und Handlungsplanungsprozesse als einen möglichen Pfad zu einer Verhaltensautomatisierung wider. Diese Befunde liefern Ansatzpunkte, um den Kontrollverlust in kritischen Momenten besser zu verstehen und spezifische kortikale Zielregionen für neuromodulatorische Interventionen abzuleiten.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.







Erklärung zur Finanzierung: Die Arbeit der Autor:innen an diesem Abstract erfolgte im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe zu affektiven und kognitiven Mechanismen spezifischer Internetnutzungsstörungen (FOR2974, Pr.-Nr. 411232260).

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Lichte, A., Büsche, K., Mallon, L., Diers, M., Wolf, O. T., Brand, M., & Antons, S. (2026). Veränderte kortiko-striatale Konnektivität auf Gaming-Reize bei riskantem und pathologischem Computerspielverhalten. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2888