Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Gemeinsam rauchfrei! Wirksamkeit einer gemeinschaftsbasierten, sprachsensiblen Gruppenintervention zur Tabakprävention für benachteiligte Migrationspopulationen in der Schweiz

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Nikolai Kiselev (Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Universität Zürich), Zumbrunn Andrea (Institut Soziale Arbeit und Gesundheit, Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Olten.), Lucy Bayer-Oglesby (Institut Soziale Arbeit und Gesundheit, Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW, Olten.), Corina Salis Gross (Schweizer Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung ISGF, Universität Zürich)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Tabakprävention für benachteiligte Migrationspopulationen funktioniert – wenn sie dort stattfindet, wo Menschen sich kennen. Das Projekt „Gemeinsam rauchfrei!“ brachte kurze Workshops in Vereine, Moscheen und Begegnungsstätten – in der Muttersprache der Teilnehmenden. Das Ergebnis: Jede vierte rauchende Person hatte drei Monate später aufgehört, jede zweite hatte es zumindest versucht. Selbst Nichtrauchende wurden aktiv: Ein Viertel motivierte andere zum Aufhören. Kurze, sprachlich zugängliche Angebote in vertrauten sozialen Umgebungen können echte Wirkung erzielen – auch bei Gruppen, die von der Regelversorgung kaum erreicht werden.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
In der Schweiz rauchen Menschen mit Migrationshintergrund und niedrigem sozioökonomischem Status überproportional häufig. Diese Gruppen sind für konventionelle Präventions- und Ausstiegsangebote oft schwer erreichbar. Milieuspezifische und sprachlich adaptierte, niedrigschwellige Interventionen, die in bestehende Gemeinschaftsstrukturen eingebettet sind, stellen einen vielversprechenden Ansatz dar, bleiben aber weitgehend unevaluiert.

Methoden
Das Projekt „Gemeinsam rauchfrei!“ implementierte 2022–2024 (und anschliessend seit 2025 wieder) ein zweiteiliges Workshop-Programm (je 2 h) in 82 vorbestehenden Gemeinschaftsgruppen (Vereine, religiöse Einrichtungen) in 12 Sprachen. In einem einarmigen Prä-Post-Design wurden Teilnehmende aus sechs Sprachgruppen (Türkisch, Albanisch, Serbisch, Bosnisch, Spanisch) via standardisierter Telefoninterviews zu zwei Zeitpunkten befragt: kurz nach dem ersten Workshop (T1) und ca. 3 Monate nach dem zweiten Workshop (T2). Primäre Outcomes: Rauchstatus, täglicher Zigarettenkonsum, Aufhörversuche.

Ergebnisse
Von 795 Workshopteilnehmenden aus 42 auswertbaren Gruppen wurden N=184 zu T1 befragt; 99 konnten zu T2 nachverfolgt werden. Von den zu T1 aktiv Rauchenden (n=62) hatten 22.6% zu T2 das Rauchen aufgegeben (chi²=65.33, p<.001). Der mittlere Tageszigarettenkonsum sank signifikant von 16.9 auf 14.1 Zigaretten/Tag (n=35, t=2.37, df=34, p<.05). 50% der zu T2 noch Rauchenden berichteten mindestens einen Aufhörversuch. 27% der nichtrauchenden Teilnehmenden gaben an, andere in ihrem sozialen Umfeld erfolgreich zum Aufhören motiviert zu haben.

Diskussion und Schlussfolgerung
Kurze, milieu- und sprachsensible Gruppeninterventionen können schwer erreichbare Migrationspopulationen wirksam ansprechen und relevante Verhaltensänderungen initiieren. Der Ansatz nutzt bestehende soziale Netzwerke als Verbreitungskanal und bezieht Nichtrauchende aktiv als Unterstützungsressource ein. Limitationen umfassen das Fehlen einer Kontrollgruppe, selbstberichtete Outcomes ohne biochemische Validierung sowie eine Attritionsrate von ca. 50%. Die Ergebnisse sprechen für eine stärkere Integration niedrigschwelliger, gemeinschaftsbasierter Tabakprävention für benachteiligte Bevölkerungsgruppen in die Regelversorgung.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass C. Salis Gross Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Sucht- und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN) ist. Die übrigen Autorinnen und Autoren haben keine Interessenskonflikte zu erklären.



Erklärung zur Finanzierung: Diese Arbeit wurde vom Schweizer Tabakpräventionsfonds (TPF) gefördert (Vertragsnummern 326.5-/36 und 326.5-2/43). Die Funder hatten keinen Einfluss auf Studiendesign, Datenerhebung, Analyse, Publikationsentscheidung oder Manuskripterstellung.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Kiselev, N., Andrea, Z., Bayer-Oglesby, L., & Salis Gross, C. (2026). Gemeinsam rauchfrei! Wirksamkeit einer gemeinschaftsbasierten, sprachsensiblen Gruppenintervention zur Tabakprävention für benachteiligte Migrationspopulationen in der Schweiz. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2880