Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Virtuelle Expositionstherapie bei Alkoholabhängigkeit: Subjektive und physiologische Indikatoren sowie Moderatoren des Cravings

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Anne Beck (Fakultät Gesundheit und Sport, HMU Health and Medical University, 14471 Potsdam, Deutschland), Nikolaos Tsamitros (Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus, 10115 Berlin, Deutschland; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Körperschaft des öffentlichen Rechts. Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Charité Mitte, 10117 Berlin, Deutschland), Alva Lütt (Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus, 10115 Berlin, Deutschland; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Körperschaft des öffentlichen Rechts. Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Charité Mitte, 10117 Berlin, Deutschland; Berlin Institute of Health at Charité – Universitätsmedizin Berlin, BIH Biomedical Innovation Academy, BIH Charité Digital Clinician Scientist Program, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Deutschland; Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), Standort Berlin, Berlin, Deutschland), Nadja Kristin Ruckser (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Körperschaft des öffentlichen Rechts. Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Charité Mitte, 10117 Berlin, Deutschland; Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG), Standort Berlin, Berlin, Deutschland; Arbeitsbereich Klinisch-Psychologische Intervention, Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Freie Universität Berlin, 14195 Berlin, Deutschland), Stefan Gutwinski (Psychiatrische Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus, 10115 Berlin, Deutschland; Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, Körperschaft des öffentlichen Rechts. Gliedkörperschaft der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin, Campus Charité Mitte, 10117 Berlin, Deutschland)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Alkoholgebrauchsstörungen und damit verbundene Rückfälle sind große individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen und mit massivem Leiden verbunden. In der Studie soll ein Therapieansatz vorgestellt werden, mit der Betroffene in realistischen Umgebungen, die über virtuelle Realität dargestellt werden, lernen können mit den Auslösern von Rückfällen umzugehen. Dafür wird zuerst analysiert, wie Personen mit Alkoholgebrauchsstörung auf diese virtuelle Realität reagieren. Genauer soll das Alkoholverlangen gemessen werden, das berichtet wird und dass sich körperlich zeigt. Es zeigte sich, dass virtuelle Umgebungen, wie Kneipen oder auch private Wohnzimmer mit Alkoholreizen, Verlangen hervorrufen können. Mit diesem Wissen kann der Einsatz solch virtueller Realitäten als Therapie weiter verfolgt werden, was einen wichtigen Beitrag zur Versorgungslandschaft leisten kann.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Alkoholgebrauchsstörungen (Alcohol Use Disorder, AUD) sind selbst nach erfolgreicher Behandlung durch Rückfallquoten von bis zu 85 % gekennzeichnet. Ein wichtiger Risikofaktor stellt das durch konditionierte Umweltreize ausgelöste Alkoholverlangen (Craving) dar. Die Reizexpositionstherapie (Cue Exposure Therapy) zielt darauf ab, diese Reaktivität durch Konfrontation mit entsprechenden Reizen zu reduzieren. Der Einsatz von Virtual Reality (VR) bietet hierbei die Möglichkeit, Risikosituationen realistisch zu simulieren. Dabei ist es essenziell, potenzielle Moderatoren wie die Personalisierung der Risikoszenarien sowie das Auftreten von Cybersickness zu berücksichtigen.

Methoden
In einer Machbarkeitsstudie nahmen Patient:innen mit AUD an einer VR-Cue-Exposure-Sitzung (VR-CE) mit alkoholbezogenen Reizen (präferierte Trinkumgebung sowie Getränk) teil. Das subjektive Craving wurde dabei vor, während und nach der Exposition erfasst. Zusätzlich wurden affektive Zustände, Cybersickness sowie das Präsenzgefühl in der virtuellen Umgebung untersucht. In einer weiteren Studie wurden neben subjektiven Craving-Messungen auch physiologische Reaktionsparameter erhoben, darunter die elektrodermale Aktivität (EDA), Herzfrequenz(variabilität) (HR(V)), helligkeitskorrigierte Pupillendurchmesser (Brightness-Corrected Pupil Diameter, BCPD) sowie die Atemfrequenz.

Ergebnisse
Das Ausmaß des Cravings war während sowie unmittelbar nach der VR-CE deutlich höher als vor der Intervention. Die Patient:innen berichteten ein ausgeprägtes Präsenzgefühl sowie leichte Cybersickness-Symptome. Letztere korrelierten signifikant mit dem Craving. Zudem zeigte sich eine Abnahme des positiven Affekts, während sich der negative Affekt zwischen Prä- und Postmessung nicht signifikant veränderte. Darüber hinaus traten während alkoholbezogener VR-Szenarien signifikante Reaktionen in der elektrodermalen Aktivität (EDA), im helligkeitskorrigierten Pupillendurchmesser (BCPD) sowie in der Atemfrequenz auf.

Diskussion und Schlussfolgerung
Es zeigte sich, dass die Exposition gegenüber alkoholbezogenen VR-Umgebungen Craving auslösen kann, welches sowohl subjektiv berichtet als auch objektiv gemessen werden kann. Darüber hinaus erwies sich die Auswahl individualisierter alkoholbezogener VR-Cues als geeignet für VR-Cue-Exposure-Ansätze. Interessanterweise zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Cybersickness und Craving, was darauf hindeuten könnte, dass es den Patient:innen schwerfiel, beide körperlichen Empfindungen voneinander abzugrenzen. Insgesamt liefern die Ergebnisse wertvolle Hinweise für die Weiterentwicklung therapeutischer VR-Cue-Exposure-Ansätze.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Interessenkonflikte: Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten. Nikolaos Tsamitros, Alva Lütt, Stefan Gutwinski und Anne Beck kooperieren mit der neomento GmbH ohne finanzielle Interessen bei der Entwicklung der VR-Software, entwickelt und unterstützt vom Berlin Institute of Health (Digital Health Accelerator Program) und der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Dr. med. Alva Lütt wird durch das BIH Charité Junior Digital Clinician Scientist Program von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health at Charité (BIH) gefördert.



Erklärung zur Finanzierung: Die Entwicklung der VR-Software wurde vom Berlin Institute of Health (BIH) und der Charité - Universitätsmedizin Berlin gefördert. Das BIH stellte Finanzierung von Forschungsfreistellung für Nikolaos Tsamitros, Alva Lütt, Stefan Gutwinski zur Verfügung und finanzierte teilweise die Hardware. Dieses Projekt wurde ebenso von der Sonnenfeld Stiftung unterstützt und zum Teil von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG: Projekt-ID 402170461 - TRR 265 und dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA: Projekt-ID 01NVF22102 gefördert (Anne Beck).

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Beck, A., Tsamitros, N., Lütt, A., Ruckser, N. K., & Gutwinski, S. (2026). Virtuelle Expositionstherapie bei Alkoholabhängigkeit: Subjektive und physiologische Indikatoren sowie Moderatoren des Cravings. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2848