Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Stigmatisierung von Angehörigen

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Anja Bischof (Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie), Gallus Bischof (Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie), Hans-Jürgen Rumpf (Universität zu Lübeck, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Angehörige von Menschen mit Suchterkrankung leiden auch unter der Erkrankung und werden oftmals dafür stigmatisiert.


Im Beitrag wird dargestellt, welche Stigmatisierung Angehörige erleben und welche Ansätze es in der Forschung gibt, die nicht stigmatisierend sind.


Ziel ist, Angehörige und ihre Bedarfe besser zu verstehen und zu berücksichtigen.


Angehörige leiden unter hohem Stress, der zu starken Belastungen führen kann. Diese Belastungen sind abhängig von der Art, wie sie mit der Suchterkrankung umgehen und von der Unterstützung, die sie bekommen.


Ein besseres Verständnis von Angehörigen kann dazu führen, dass die Belastungen sinken und die Suchterkrankung besser behandelt werden kann.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Suchterkrankungen stellen eine erhebliche gesundheitliche und psychische Belastung nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren soziales Umfeld dar. Während Suchterkrankungen per se stigmatisiert sind, leiden Angehörige oftmals unter einer doppelten Stigmatisierung, wenn sie sich entscheiden, die suchtkranke Person nicht aufzugeben. Diese Pathologisierung von Caring-Verhalten führt dazu, dass die ohnehin spärlichen Angebote für Angehörige kaum genutzt werden. Dabei ist die Behandlung von Angehörigen und deren Einbeziehung in die Behandlung von Suchterkrankungen oftmals ein bedeutsamer Faktor für deren Erfolg.

Methoden
Der Beitrag stellt den aktuellen internationalen Stand der Forschung zur Stigmatisierung von Angehörigen dar. Er arbeitet heraus, wie defizitorientierte und in Teilen antifeministische Konzepte wie z.B. das der Co-Abhängigkeit Bedarfe und Wünsche von Angehörigen ignoriert und dadurch zu einer schlechteren Versorgung führt. Neuere alternative Modelle zur Belastung und zur Einordnung von Coping-Strategien werden vorgestellt. Beispiele aus Angehörigen-Interviews der BEPAS-Studie (Belastungen und Perspektiven Angehöriger Suchtkranker; n=100) ergänzen den Beitrag.

Ergebnisse
Das Thema Stigmatisierung von mitbetroffenen Angehörigen ist in Forschung und Praxis eher stiefmütterlich behandelt. Oft liegt eine eher defizitorientierte Haltung vor, die unterstützendes Verhalten pathologisiert und eine Mitschuld an der Suchterkrankung postuliert, die oftmals in der Vergabe einer "Diagnose" (Co-Abhängigkeit) resultiert. Aufgrund von Scham und Angst vor Stigmatisierung ziehen sich Angehörige immer weiter zurück und bleiben in der Bewältigung des Problems allein. Weiterhin ist vielen Angehörigen der eigene Anspruch auf Hilfe nicht bewusst oder ihnen fehlt die Information über vorhandene Angebote. Alternative Erklärungsmodelle führen die Belastung von Angehörigen maßgeblich auf chronisches Stresserleben zurück, welches aus der Sorge um die Betroffenen und Hilflosigkeit resultiert. Aus der Analyse von Bewältigungsmechanismen können Strategien abgeleitet werden, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Behandlung von Angehörigen und Betroffenen haben können.

Diskussion und Schlussfolgerung
Ein grundlegend entstigmatisierendes Verständnis der Belastungen Angehöriger und deren Dilemmata und eine Entpathologisierung unterstützenden Verhaltens kann Angehörigen ermöglichen, Resilienz zu erlangen und hilfreiche Bewältigungsmechanismen zu erlernen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Bischof, A., Bischof, G., & Rumpf, H.-J. (2026). Stigmatisierung von Angehörigen. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2847