Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Momente der verringerten Kontrolle in der natürlichen Umgebung: Affektive und kognitive Mechanismen

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Stephanie Antons (Universität Siegen), Anna Knorr (Universität Duisburg-Essen)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Personen mit Suchterkrankungen erleben häufig Momente, in denen sie ein Verhalten ausführen, obwohl es negative Folgen für sie hat.


In dieser Studie wollten wir genauer verstehen, wie es zu solchen Momenten der verringerten Kontrolle kommt.


Wir fanden heraus, dass Personen mit Anzeichen für eine Computerspiel- oder Pornographiesucht häufiger solche Momente erleben. Im Alltag spielen dabei vor allem Verlangen (Craving), eine verminderte Kontrolle und Selbsterlaubnis eine wichtige Rolle.


Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass diese Prozesse bei verschiedenen Menschen sehr ähnlich ablaufen.


Diese Erkenntnisse können helfen zu verstehen, warum wir manchmal das Internet nutzen, obwohl es negative Folgen hat, und wie wir unser Verhalten besser steuern können.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Suchterkrankungen und Internetnutzungsstörungen sind durch eine verminderte Kontrolle über ein Verhalten sowie dessen Fortführung trotz negativer Konsequenzen gekennzeichnet. Im Alltag äußert sich dies in einzelnen Momenten verringerter Kontrolle. Aktuelle Störungsmodelle, wie das I-PACE-Modell, sowie ein Großteil der empirischen Evidenz konzentrieren sich auf Mechanismen der Störungsentwicklung. Unklar bleibt jedoch, ob dieselben Mechanismen auch in konkreten Situationen im Alltag zu Momenten verringerter Kontrolle führen. Vorgestellt werden Ergebnisse eines größeren Forschungsprojekts, das affektive und kognitive Prozesse von Momenten verringerter Kontrolle bei der Nutzung von Pornographie und dem Computerspielen, als Beispiele für Formen der Internetnutzung, untersucht.

Methoden
Kern des Projektes war ein Ecological Momentary Assessment im natürlichen Alltag. Mithilfe von Benachrichtigungen über eine App wurden zentrale Variablen wie Craving, Konflikterleben, Motivation zur Regulation, wahrgenommene Kontrolle, Selbstlizensierung und Momente der verringerten Kontrolle erfasst. Letztere wurden definiert als Situationen, in denen das Verhalten (Computerspielen oder Pornographienutzung) länger oder intensiver als geplant ausgeführt wurde, obwohl andere Verpflichtungen bestanden oder negative Konsequenzen absehbar waren. Die Auswertung erfolgte mittels Mehrebenenanalysen.

Ergebnisse
Personen mit höherer Symptomschwere einer spezifischen Internetnutzungsstörung berichteten häufiger von Momenten verminderter Kontrolle. In konkreten Situationen zeigten sich die zugrunde liegenden Mechanismen jedoch weitgehend unabhängig von der Symptomschwere. Besonders relevant waren Craving, reduzierte Selbstkontrolle und Selbstlizenzierungsprozesse. Die Motivation zur Verhaltensregulation spielte hingegen eine untergeordnete Rolle.

Diskussion und Schlussfolgerung
Momente verminderter Kontrolle treten auch bei unauffälliger Internetnutzung gelegentlich auf. Die Ergebnisse legen nahe, dass sich die situativen Mechanismen zwischen problematischer und unproblematischer Nutzung kaum unterscheiden. Cue-Reaktivität wird als zentraler Auslöser diskutiert, der eine Kaskade von Prozessen in Gang setzt und bei Personen mit ausgeprägteren Symptomen häufiger zu Kontrollverlust führt. Implikationen für Prävention und Intervention werden abgeleitet.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Antons, S., & Knorr, A. (2026). Momente der verringerten Kontrolle in der natürlichen Umgebung: Affektive und kognitive Mechanismen. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2827