Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Deutungen von Abhängigkeit in der Sucht- und Drogenberatung – empirische Annäherungen an Deutungswissen und Handlungsorientierungen von Berater:innen

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Birgit Müller (DGSA)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Wissen über Abhängigkeit stellt einen Bestandteil des Professionswissens von Berater:innen in der Sucht- und Drogenberatung dar, um Drogengebrauch einschätzen zu können und professionelle Fallarbeit zu realisieren. Um dieses Wissen von Berater:innen erforschen zu können, sind deren Deutungen von Abhängigkeit wichtig. Es wurden daher Interviews mit verschiedenen Berater:innen durchgeführt. Dabei konnte festgestellt werden, dass sie Abhängigkeit primär als Krankheit, aber auch alternativ als Alltagshandeln deuten. So konnte festgestellt werden, dass es verschiedene Deutungen von Abhängigkeit gibt, die das Handeln der Berater:innen beeinflussen.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Berater:innen in der Sucht- und Drogenberatung verfügen über spezifische Deutungen von Abhängigkeit resp. Sucht, um spezifischen Drogengebrauch von Ratsuchenden einzuschätzen und adäquate Fallarbeit zu gestalten. Deutungen von Abhängigkeit (re-)konzipiert als Deutungsmuster und zu verstehen als erfahrungsbasierte Handlungsroutinen der Berater:innen, sind dem Deutungswissen zugehörig und gestalten beraterische Handlungspraktiken. Im aktuellen Diskurs über Abhängigkeit, wird diese vorrangig als Krankheit konzipiert. Zugleich wird dieser durch weitere disziplinäre Wissensstrukturen, institutionelle (ausstiegs-/akzeptanzorientiert) und finanz-/drogenpolitische Rahmungen gestaltet. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, wie Berater:innen Abhängigkeit deuten und ihre Handlungspraktiken argumentieren.

Methoden
Datengrundlage bilden leitfadengestützte, diskursive Interviews, die im Rahmen einer qualitativen, rekonstruktiven und methodentriangulierenden Sozialforschung durch eine Deutungsmusteranalyse und der Grounded Theory Methodology ausgewertet wurden.

Ergebnisse
Es konnten vier Deutungen von Abhängigkeit rekonstruiert werden. Dabei zeigt sich eine Dominanz der Deutung von Abhängigkeit als Krankheit, die mit den Deutungen von Abhängigkeit als Negation und als Erziehungsparadigma korreliert. Die Vermittlung des Krankheitskonzepts wird als normalisierende Wissensvermittlung argumentiert, die auch Hinweise auf eine erzieherische Beratungspraxis beinhaltet. Die Krankheitsdeutung wurde als ergänzungsbedürftig rekonstruiert. Hier setzt die Deutung von Abhängigkeit als Alltagshandeln an. Beraterische Handlungsorientierungen fokussieren die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehungsebene, die vor dem Hintergrund des Stigmas von Abhängigkeit zu betrachten ist.

Diskussion und Schlussfolgerung
Die primäre Deutung von Abhängigkeit als Krankheit und die partielle kritische Einordnung institutioneller Beschränkungen, wie dem Abstinenzfokus, durch die Berater:innen verweisen auf eine professionalisierungsbedürftige Handlungspraxis der Sucht- und Drogenberatung. Diese bedarf einerseits neue Wissensbestände und eine reflektierte, dekonstruierende Betrachtung dominanter Deutungen von Abhängigkeit. Andererseits bedarf es institutioneller Veränderungen, die der beraterischen Handlungspraxis akzeptierende Ansätze ermöglichen. Zu diskutieren wäre, ob und wie sich reflexive beraterische Professionalisierungsprozesse realisieren lassen.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Müller, B. (2026). Deutungen von Abhängigkeit in der Sucht- und Drogenberatung – empirische Annäherungen an Deutungswissen und Handlungsorientierungen von Berater:innen. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2803