Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress

Regionale Deprivation und Alkoholkonsum – Eine querschnittliche Beobachtungsstudie mit NAKO-Daten

Hauptsächlicher Artikelinhalt

Ida Butovetsky (Carl von Ossietzky Universität), Lars Schwettmann (Carl von Ossietzky Universität)

Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache

Menschen in Deutschland trinken unterschiedlich viel Alkohol und sie leben an Orten, die unterschiedlich stark benachteiligt sind. Benachteiligt heißt zum Beispiel, dass mehr Menschen an einem Ort keine Arbeit haben. In dieser Studie möchten wir herausfinden, ob Menschen aus stärker benachteiligten Orten in Deutschland anders Alkohol trinken. Dafür untersuchen wir Daten aus der NAKO Gesundheitsstudie. In der NAKO Gesundheitsstudie haben Menschen Fragen über sich und ihren Alkoholkonsum beantwortet. Wir fanden heraus, dass Männer, die an benachteiligten Orten wohnen, weniger wahrscheinlich im letzten Jahr Alkohol getrunken haben. Frauen aus benachteiligten Orten haben dafür wahrscheinlicher im letzten Monat mindestens sechs alkoholische Getränke zu einer Gelegenheit getrunken. Diese Ergebnisse können dabei helfen besser zu verstehen, wie das Trinkverhalten von Menschen in Deutschland aussieht.

Abstract

Hintergrund und Fragestellung
Alkoholkonsum findet in unterschiedlichen Umgebungen statt, die aufgrund ihrer materiellen und sozialen Bedingungen mit unterschiedlichen Risiken für besonders gesundheitsschädigendes Trinkverhalten einhergehen können. Internationale Studien zeigen zum Zusammenhang von regionaler Deprivation und Alkoholkonsum uneinheitliche Ergebnisse; Untersuchungen für Deutschland liegen bisher nicht vor.

Methoden
Design: Querschnittliche Beobachtungsstudie mit Daten der Basisuntersuchung (2014-2019) der NAKO Gesundheitsstudie.
Stichprobe: Complete-Case-Analyse von 180,479 Teilnehmenden (19-75 Jahre).
Variablen: Alkoholkonsum wurde anhand von aktuellem (Ja/Nein) und durchschnittlichem Konsum (Gramm/Tag) sowie Heavy Episodic Drinking (HED; ? 6 alkoholische Getränke zu einer Gelegenheit ? 1x im letzten Monat) operationalisiert. Regionale Deprivation wurde mithilfe des German Index of Multiple Deprivation (GIMD) und des German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD) auf Gemeindeebene, eingeteilt in Quintile (Q1: niedrigste, Q5: höchste Deprivation) erfasst. Kontrollvariablen waren Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund sowie in Sensitivitätsanalysen Indikatoren des individuellen sozioökonomischen Status (SES; Bildung, Beschäftigung, Nettoäquivalenzeinkommen). Weiterhin wurden geschlechts-stratifizierte Analysen durchgeführt.
Analysen: Poisson- und lineare Multilevel-Regressionen mit Bonferroni-korrigiertem Alpha-Niveau von 0,002.

Ergebnisse
Der durchschnittliche Konsum war bei Personen aus Gemeinden mit niedriger (GIMD Q2) gegenüber denjenigen aus Gemeinden mit hoher (Q5) Deprivation geringer (ß = -0.08, p < .001). Personen aus Gemeinden mit niedriger (GIMD Q1 und Q2) im Vergleich zu hoher (Q5) Deprivation zeigten außerdem ein signifikant reduziertes Risiko für HED (Q1: RR = 0,88, p < .001; Q2: RR = 0.87, p < .001). Die Unterschiede bestanden bei Kontrolle des individuellen SES fort. In geschlechts-stratifizierten Analysen waren Unterschiede in HED für weibliche deutlicher als für männliche Personen ausgeprägt.

Diskussion und Schlussfolgerung
In der vorliegenden Arbeit wurde erstmalig der Zusammenhang von regionaler Deprivation und Alkoholkonsum in Deutschland untersucht. Während regionale Deprivation mit durchschnittlichem Alkoholkonsum und geschlechts-spezifisch mit HED assoziiert war, zeigten sich nur geringe Unterschiede beim aktuellen Alkoholkonsum.

Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.
Dieses Projekt wird mit Daten und in Zusammenarbeit mit Forscherinnen und Forschern der NAKO Gesundheitsstudie durchgeführt (www.nako.de). Die NAKO Gesundheitsstudie wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) [Förderkennzeichen 01ER1301A/B/C, 01ER1511D und 01ER1801A/B/C/D], die Bundesländer und die Helmholtz Gemeinschaft gefördert sowie durch die beteiligten Universitäten und Institute der Leibniz-Gemeinschaft finanziell unterstützt.
Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der NAKO Gesundheitsstudie.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag

Butovetsky, I., & Schwettmann, L. (2026). Regionale Deprivation und Alkoholkonsum – Eine querschnittliche Beobachtungsstudie mit NAKO-Daten. Deutscher Suchtkongress, 3(1). Abgerufen von https://www.journals.infinite-science.de/index.php/dsk/article/view/2790