Deutscher Suchtkongress
Bd. 3 Nr. 1 (2026): Deutscher Suchtkongress
Soziale-Netzwerke-Nutzungsstörung bei Jugendlichen: Herausforderungen und geschlechterspezifische Anforderungen an ein Behandlungskonzept
Hauptsächlicher Artikelinhalt
Copyright (c) 2026 Deutscher Suchtkongress

Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.
Kurzzusammenfassung in leicht verständlicher Sprache
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Grundlage qualitativer Interviews mit Fachkräften sowie einer Literaturauswertung zentrale Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten in der Versorgung. Die Ergebnisse zeigen strukturelle Versorgungsdefizite, geschlechterspezifische Unterschiede sowie die zentrale Rolle der Eltern im Umgang mit problematischer Nutzung. Daraus werden Anforderungen an differenzierte und praxisnahe Behandlungskonzepte abgeleitet.
Abstract
Hintergrund und Fragestellung
Problematische Nutzung sozialer Netzwerke bei Jugendlichen stellt ein zunehmendes klinisches und versorgungsrelevantes Problem dar, wird im bestehenden Hilfesystem jedoch bislang nur unzureichend als eigenständige Diagnose im ICD-11 berücksichtigt. Insbesondere geschlechterspezifische Unterschiede werden bisher kaum systematisch adressiert. Die vorliegende Arbeit identifiziert Anforderungen und Herausforderungen bei der Entwicklung eines geschlechtersensiblen Behandlungskonzeptes für Jugendliche mit SNS.
Methoden
Die empirische Grundlage bilden neun leitfadengestützte Interviews mit Fachkräften aus unterschiedlichen Versorgungsbereichen (stationär, ambulant, Beratung). Ergänzend wurde aktuelle Forschungsliteratur zu Prävalenz, Nutzungsmustern und Behandlungsmöglichkeiten ausgewertet. Ziel war es, zentrale Anforderungen an ein praxisorientiertes Behandlungskonzept herauszuarbeiten und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptomatik sowie in der Inanspruchnahme von Hilfen zu identifizieren.
Ergebnisse
SNS wird selten nicht als eigenständiges Störungsbild adressiert, sondern im Kontext komorbider psychischer Erkrankungen mitbehandelt. Besonders auffällig ist die Unterrepräsentation weiblicher Jugendlicher im Hilfesystem, obwohl Hinweise auf vergleichbare Prävalenzen vorliegen. Fachkräfte berichten, dass weibliche Betroffene häufig über internalisierende Störungen wie Depressionen oder Essstörungen in Behandlung gelangen, wodurch SNS-spezifische Mechanismen, insbesondere sozialer Vergleich und Selbstwert, nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Diskussion und Schlussfolgerung
Die Ergebnisse belegen eine deutliche Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von SNS in der Praxis und ihrer fehlenden Anerkennung im diagnostischen System. Fachkräfte nehmen SNS als relevantes klinisches Problem wahr, sehen sich jedoch mit unzureichenden Strukturen und fehlenden spezifischen Behandlungskonzepten konfrontiert. Besonders weibliche Jugendliche geraten in einen „blinden Fleck“ der Versorgung: Ihre Problemlagen werden häufig durch komorbide Diagnosen überlagert, wodurch zentrale Mechanismen wie Selbstwert und sozialer Vergleich unzureichend adressiert bleiben. Viele Einrichtungen sind auf Gaming und Pornografie spezialisiert und damit für weibliche Betroffene wenig attraktiv. Fachkräfte fordern daher geschlechtersensible Präventions- und Therapieangebote, die spezifische Nutzungsmotive berücksichtigen und niedrigschwelligen Zugang ermöglichen.
Interessenskonflikte sowie Erklärung zur Finanzierung
Ich bzw. die Koautorinnen und Koautoren erklären, dass während der letzten 3 Jahre keine wirtschaftlichen Vorteile oder persönlichen Verbindungen bestanden, die die Arbeit zum eingereichten Abstract beeinflusst haben könnten.